26.5.17

Tales of two Capitals


Von Reinhard Jahn und Thomas Przybilka

Bonn (BRD)  und Berlin (DDR)
als Krimi-Schauplätze


Deutsches Manuskript.
Die Übersetzung erschien in
Nina King with Robin Winks and other Contributers
Crimes of the Scene
A Mystery Novel Guide for the International Traveler
New York: St. Martins Press 1997





The Berlin Wall

"Leamas went to the window and waited, in front of him the road and to either the Wall, a dirty, ugly thing of breeze blocks and strands of barbed wire, lit with cheap yellow light, like the backdrop for a concentration camp. East and west of the Wall lay the unrestored part of Berlin, a half-world of ruin, drawn in two dimensions, crags of war" ... "...suddenly he felt the coarse, sharp contact of the cinder brick. Now he could discern the wall and, looking upwards, the triple strand of wire and the cruel hooks which held it. Metal wedges, like climbers` pitons, had been driven into the brick. Seizing the highest one, Leamas pulles himself quickly upwards he had reached the top of the wall."

(John le Carré, The Spy Who Came In From The Cold, London 1964, pp 9, 218)

Bonn / Bad Godesberg
"At twenty-five minutes past eight, the Drosselgasse in Bad Godesberg had been just another leafy diplomatic backwater, about as far from political turmoils of Bonn as you could reasonably get while staying within fifteen minutes`drive of them. It was a new street but mature, with lush, sceret gardens, and maids' quarters over the garages, and Gothic scurity grilles over the bottles glass windows. The Rhineland weather for most of the year has the warm wet drip of the jungle; its vegetation, like its diplomatic community, grows almost as fast as the Germans build the raods, and slightly faster than they make their maps. The  fronts of some of the houses were already half obscured by dense plantations of conifers, which, if they ever grow to proper size, will presumably one day plunge the whole area into a Grimm`s fairy-tale blackout. (...) A kilometre southward, unseen Rhine barges provided a throbbing, stately hum, but the resident grow deaf to it unless it stops. In short, it was a morning to assure you that whatever calamaties you might be reading about West Germany`s earnest, rather panicky newspapers ... Bad Godesberg was a settled, decent place to be alive in, and Bonn was not half so bad as it is painted."
(John le Carré: The Little Drummer Girl, London: Hodder & Stoughton 1983, pp. 3-4)


Wenn Sie in Berlin sind... 
...besuchen Sie das "Café Kranzler" am Kurfürstendamm, ganz in der Nähe der Gedächtniskirche mit ihrem zerbombten Turm, der als Mahnmal nach dem Zweiten Weltkrieg in seinem Zustand belassen wurde. Im "Kranzler", wo bei schönem Wetter Stühle und Tische auf den Gehsteig gestellt werden, trifft nicht nur Len Deightons Agent an einem Sonntag seinen Informanten Johnny Vulkan ("Funeral in Berlin", London 1964/New York 1965). Auch in anderen Romanen ist das "Kranzler" Schauplatz konspirativer Agententreffs. Seit seinem Einzug 1932 ist das Café eines der Wahrzeichen Berlin. Zunächst ist es Treffpunkt von Literaten und Künstlern, nach dem Krieg dann der Ort, an dem sich alliierte Offiziere zusammensetzen und später der Platz, an dem die Deutschen ihren ersten bescheidenen Nachkriegs-Wohlstand bei Kaffee und Kuchen vor den flanierenden Passanten zur Schau stellten.

Bonn und Berlin  - Die beiden Hauptstädte Deutschlands


"Bonn was a Balkan city, stained and secret, drawn over with tramwire. Bonn was a dark house where someone had died, a house dreaped in Catholic black and guarded by policemen. "
(John le Carré: A Small Town In Germany, London 1968, p. 7)

   Keine Frage, John le Carré mag Bonn zunächst nicht, und in den mehr als 40 Jahren, in denen die kleine Stadt am Rhein die die Hauptstadt der Bundesrepublik war, haben auch viele Deutsche ein ambivalantes Verhältnis zu dem verschlafenen "Bundesdorf" gehabt. Der kleine Ort in der Nähe von Köln wurde von der ersten deutschen Regierung unter Kanzler Konrad Adenauer 1949, vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, zur vorläufigen Hauptstadt der aus der amerikanischen, britischen und französischen Besatzungszone gebildeten Budesrepublik Deutschland gewählt. Die alte "Reichshauptstadt" Berlin lag unterdessen isoliert in der sowjetischen Besatzungszone, aus der 1949 die Deutsche Demokratische Republik wurde, jenem unter Moskaus Einfluß stehenden zweiten deutsche Staat, der sich 1961 mit seiner "Zonengrenze" hermetisch gegen Westdeutschland abschottete.

    Berlin - genauer gesagt: der Ostteil der Stadt, wurde von der ostdeutschen Regierung zur Hauptstadt der DDR erklärt. Vierzig Jahre lang bestand dieses deutsche Provisorium aus zwei Staaten. Durch martialische Grenzanlagen und die "Berliner Mauer" war das unter alliierter Konstrolle stehende West-Berlin vollkommen vom ostdeutschen Umland abgeschnittenen, bis 1990 durch die deutsche Wiedervereinigung ein neues Deutschland entstand. Dessen Parlament entschied schließlich 1991, daß nicht mehr das geruhsame Bonn am Rhein, sondern wieder Berlin seine Haupstadt sein sollte.

    Vierzig Jahre deutsche Geschichte, von 1949 bis 1989, eine Zeit des Machtkampfes der UdSSR und der USA, die Zeit des Kalten Krieges und des Wettkampfes der Systeme, der besonders an seiner Nahtstelle in Deutschland von östlichen und westlichen Geheimdiensten mit allen Mitteln geführt wurde. Kein Wunder also, daß man besonders über Spionagegeschichten und Polit-Thriller reden muß, wenn es um die Krimis geht, die in der alten und der neuen deutschen Hauptstadt spielen. Daß das geruhsame Bonn dabei in der Wirklichkeit nicht so häufig Schauplatz internationaler Geheimdienstintrigen war, heißt unterdessen nicht, daß die "Kleine Stadt in Deutschland", wie John le Carré sie genannt hat, keinen Stoff für hochklassige Spionageschichten geboten hätte. Über Bonns berühmt-berüchtigte "Diplomatenrennbahn", eine gut ausgebaute, mehrspurige Straße aus der Bonner Innenstadt hinaus zum Vorort Bad Godesberg, die nicht nur die ansässigen Diplomaten zu überhöhter Geschwindigkeit verleitet, führt in Ross Thomas' "The Cold war Swap" (New York 1966, UK-Title: Spy In The Vodka, London 1967) der Weg zu "Mac's Place".

   Die Bar des Ex-CIA-Mannes MacCorkle und seines Partners Padillo wird in dem hochklassigen Debüt-Thriller des Journalisten Ross Thomas (1926 - 1995), der von 1958 bis 1959 selbst in Bonn lebte und arbeitete, zur Drehscheibe für eine eiskalt kalkulierte CIA-Operation. Die amerikanische Regierung will einen abgeschriebenen Spezialagenten gegen zwei in den Osten übergelaufene Wissenschaftler austauschen, die sie gerne zurückhätte. Daß die Operation kein Routinegeschäft ist, wird MacCorkle klar, als vor seinen Augen der Barkeeper von "Mac's Place" gerade in dem Moment erschossen wird, als er ihm sein Geheimrezept für die richtige Mischung eines Seven-layer Mint Frappé anvertrauen will.

  Aus dem gemütlichen Bonner Vorort Bad Godesberg führt die Mission MarCorkle und Padillo hinter den Eisernen Vorhang und direkt in eine Falle des KGB, aus der sich die beiden nur mit einigen Blessuren wieder herauswinden können. Inzwischen existiert "Mac's Place" schon lange nicht mehr. MacCorkle und sein Partner sind, ebenso wie ihr deutsches Personal, von Bonn nach Washington D.C. übergesiedelt und haben dort - wie man in "Cast A Yellow Shadow" (New York 1967) und "The Backup Men" (New York 1971) nachlesen kann, "Mac`s Place" neu eröffnet.

    Doch auch wenn Bonn, wie es sein ehemaliger Polizeipräsident einmal formulierte, "in puncto Kriminalität Gott sei dank kein Weltstadtniveau" erreicht, ist es mit all seinen Regierungsbehörden, Ministerien und Botschaften genau wie jede andere Haupstadt ein Tummelplatz für Spione aus aller Herren Länder, ganz besonders aber aus der DDR gewesen. Dabei setzte der legendäre Spionagechef Markus Wolf aus dem DDR-Ministerium für Staatssicherheit (the "Stasi") in den achtziger Jahren verstärkt auf die "Romeo"-Variante. Die mag in vielen Fällen so abgelaufen sein, wie Martin Walser es in "No Man's Land" (Austin 1989) (German Title: "Dorle und Wolf", Frankfurt am Main 1987) beschreibt:

   Wolf Ziegler, in der DDR aufgewachsen und später in die Bundesrepublik gekommen, fühlt sich seinem alten Heimatstaat verpflichtet und stellt sich als Spion zur Verfügung, um den Rückstand der DDR im Hochtechnologiebereich zu verringern. Um an die Schlüsselinformationen heranzukommen, wird er zu einem von Markus Wolfs "Romeo-Agenten". Er heiratet Dorle, Sekretärin im Bonner Verteidigungsminiserium, die ihn unwissend mit dem Geheimmaterial versorgt, das seine Auftraggeber dringend benötigen. Als er nach neun Jahren seiner Spionagetätigkeit überdrüssig wird, zeigen seine ostberliner Auftraggeber wenig Verständnis für seinen Wunsch nach einem geruhsamen Familienleben und setzen ihn unter Druck.

   Genau wie Wolf Ziegler in Martin Walsers eher gesellschaftkritischem als spannenden Roman ist auch Otto "der Rabe" Reimann in Brian Freemantles "Little Grey Mice" (London 1991) ein Romeo-Agent, der auf eine Bonner Bürodame angesetzt wird. Genauso kühl und professionell, wie Reimann sich im Auftrag des KGB an Elke Meyer, Referentin des Staatsministers im Kanzleramt, heranmacht, um angesichts der unmittelbar bevorstehenden Wiedervereinigung die Position des neuen Deutschlands auszuspionieren,  erzählt Freemantle seine Geschichte. Bonn ist Dreh- und Angelpunkt von Otto Reimanns Operation, bei der er allerdings trotz aller Spionageerfolge den Kürzeren zieht - denn er wird die Geister, die er mit seinen Liebesschwüren bei der "kleinen grauen Maus" aus dem Kanzleramt rief, nicht so schnell wieder los. Pech für den "Raben", Glück im Unglück für die "graue Maus".

    Weniger grau und unscheinbar als bei Brian Freemnatle geht es in Robert Ludlums Action-Thriller "The Aqutaine Progression" (New York 1984) zu, in dem es den Helden John Converse bei seiner Jagd nach den Hintermännern einer von Ludlums üblichen Verschwörungstherorien auch ins verschlafene Bonn am Rhein verschlägt. Am "Alten Zoll", der kastanienbestanden alten Bastion am südöstlichen Rand der Bonner Altstadt trifft Converse einen wichtigen Informanten, und kurz darauf kann er nicht verhindern, daß im "Hofgarten", einem Park vor der Bonner Universität der amerikanische Botschafter ermordet wird. Doch mehr als atmosphärischer  Hintergrund ist die kleine Stadt am Rhein in Ludlums weltumspannender Jagd nach einigen machthungrigen Generälen nicht, die sich zum Ziel gesetzt haben, ein ganz Europa umfassendes neues Weltreich zu errichten.

   Es sind also meist nur die kleinen, überschaubaren Spionageoperationen, die in Bonn stattfinden, Geschichten über kleinbürgerliche Verstrickungen in Verrat und Heimtücke, und damit werden die erwähnten Romane der eher unauffälligen Stadt, die nie das Flair einer wirklichen Hauptstadt entwickeln konnte (und wollte), vollkommen gerecht. Die wirklich großen Spione, die wirklich großen Geheimdienstoperationen spielten sich während des Kalten Krieges in Berlin ab. Hier wartete John le Carrés Alec Leamas an der Berliner Mauer auf den "Spy Who Came In From The Cold", in Berlin zieht Adam Halls Agent Quiller seine Kreise, und hier findet  Mitte der sechziger Jahre das "Funeral in Berlin" für Len Deightons namenlosen Agenten statt, als er für den britischen Geheimdienst einen hochkarätigen ostdeutschen Wissenschaftler über die Zonengrenze bringen soll.

     Und auch Deightons in Berlin geborener Bernhard Sampson, britischer Spion und tragischer Held der "Berlin Game", "London Match" und "Mexiko Poker"-Trilogie (New York 1984,1985,1986) lauert stets an der weltbekannt gewordenen Berliner Mauer, die im August 1961 von der Nationalen Volksarmee (NVA) und der Volkspolizei (VoPo) errichtet wurde, um den ständig wachsenden Flüchtlingsstrom aus der DDR in den bis dahin noch "offene" und "ungeteilten", unter alliierter Verwaltung stehenden Westteil der Stadt zu stoppen. Im Lauf der Jahre perfektionierte der ostdeutsche Staat seinen 155 Kilometer langen "antiimperialistischen Schutzwall" rund um West-Berlin zu einer tödlichen Staatsgrenze, deren Grenztruppen den Befehl hatten, sämtliche Fluchtversuche mit der Schußwaffe zu verhindern. Die künstliche Sperre, die unter anderem unmittelbar vor den Säulen des Brandenburger Tors verlief, bestand zuletzt aus einer 4,10 Meter hohen und 16 Zentimeter starken Betonplattenwand, die oben entweder mit einem dicken Betonrohr oder einem Metallgitterzaun bewehrt war. Daran schloß sich an der östlichen Seite ein 10 Meter breiter "Todesstreifen" mit Wachtürmen und Bunkern, Hundelaufanlagen, Patroullienwegen und einem Kontaktzaun an, der bei Berührung optische und akustische Signale auslöste.

    Erst der politische Umbruch des Jahres 1989 mit seinen Bürgerproetsten in der DDR brachte schließlich am historischen 9. November 1989 die Öffnung aller bis dahin streng kontrollierten Grenzübergangsstellen und leitete die deutsche Wiedervereinigung ein. Adam Halls Quiller ist kurz vor jenen Tagen des Jahres 1989 in der geteilten Stadt, um in einer seltsamen Zusammenarbeit mit dem KGB ein Attentat auf Michail Gorbatschow zu verhindern:
"The East Germans are fervently hoping for some kind of reunification, beause so many of them got relatives in the West and they`ve been cut off from them all this time by the wall. On the other hand, some people are scared to death, because if Europe becomes denuclearised - which is the way, things are heading - the US are going to withdraw most of it`s forces and that`ll leave West Germany without security umbrella...
(Adam Hall "Quiller KGB", New York 1989, p. 84)

    In der Zeit der Teilung war der "Checkpoint Charlie", der Grenzübergang für Ausländer an der Ecke Kochstraße und Friedrichstraße Brennpunkt und Nadelöhr für zahlreiche riskante, nicht nur literarische Spionageoparationen des britischen SIS und der amerikanischen CIA. "You are are leaving the American Sector" liest Alec Leamas auf dem bekannten Schild in Le Carrés klassischem "The Spy who came in from the Cold" (1963) , während er auf den Überläufer aus der DDR wartet und noch nicht weiß, daß er selbst nur eine Schachfigur im Spiel seines Chefs "Control" ist, der Leamas nur dazu benutzt, den ostdeutschen Spionagechef Mundt bei seinen eigenen Leuten zu diskreditieren. Genau wie Leamas wartet auch Len Deightons Bernhard Sampson in "Berlin Game" (New York 1984) an der Mauergrenze auf den ostdeutschen Topspion "Brahms IV", der wichtige Nachrichten über eine Maulwurf im britischen Geheimdienst bringen will. Und auch in den nächsten Büchern der Sampson-Trilogie, als Bernhard längst herausgefunden hat, daß seine schöne Ehefrau Fiona ihn nicht nur mit seinem Kollegen Bret Rensselaer betrügt, sondern auch der gesuchte Maulwurf ist, verschlägt es ihn immer wieder auf die geschichtsträchtigen Straßen Berlins:

"Berlin is a sort of history book of twentieth-century violence, and every street corner brought  a recollection of something I`d heard, seen or read. We follwed the road alongside the Landwehr Canal, which twists and turns through the heart of the city, It`s oily water hold many dark secrets. Back in 1919, when the Spartakists attempted to seize the city by armed uprising, two officers of the Horse Guards took the badly beaten Rosa Luxemburg - a Cummunist leader - from their headquarters at the Eden Hotel, next to the Zoo, shot her dead and threw her into the canal."
(Len Deighton "London Match", London 1985. p. 9)

   Zurück in die Zeit vor der Machtergreifung der Nazis in Deutschland und im großen Bogen bis hin zum alliierten Sieg über Nazi-Deuschland führt Deighton, der "Poet des Agentenromans" uns in "Winter: A Berlin Family" (New York 1987). 

    Die Epoche der Nazi-Diktatur, die Deutschland unter der Herrschaft Adolf Hitlers in den Zweiten Weltkrieg stürzte, haben später viele Thriller-Autoren als Hintergrund für konventionelle Krimi-Geschichten verwendet, aber erst der Brite Philip Kerr kam 1989 in seiner "Berlin Noir"-Trilogie auf die Idee, einen harten Privatschnüffler im historischen Berlin der Jahre 1936 bis 1940 ermitteln zu lassen. Bernhard "Bernie" Gunther, hat seinen Job als Kriminalpolizist im Präsidium am Alexanderplatz gekündigt und sich nach einem Aushilfsjob als Hoteldetektiv im "Adlon" mit einem kleinen Detektivbüro selbständig gemacht. Bei seiner Suche nach dem angeblich nach einem Brand verschwundenen Schmuck einer Industriellentochter vor dem Hintergrund der Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele 1936 in "March Violets" (New York 1989) nicht nur in den Gefängniszellen des GESTAPO-Hauptquartiers an der Prinz Albrecht-Straße; Gunther bekommt auch die Terrorherrschaft der Nazis im Konzentrationslager Dachau zu spüren, in das er sich auf der Spur des verschwundenen Schmuckes einschmuggelt.

  Mit seiner indifferenten Haltung gegenüber dem Nazi-Regime und der ausgeprägten Fähigkeit, sich immer wieder auch mit unmenschlichen Umständen arrangieren zu können, verhält sich Bernhard Gunther wie viele Deutsche in jenen Jahren. Er sagt: 

"Survival, especially in these difficult times, has to count as some sort of an achievement" (Philip Kerr "The Pale Criminal", New York 1991 p. 237)

und läßt sich auch für eine Machtintrige des SS-Führers Heydrich gegen seinen Gegner Himmler einspannen und dient schließlich in "A German Requiem" (London 1991) auch Hitlers Kriegsmaschinerie.

    Konsequent hat Robert Harris im Szenariao seiner political fiction "Fatherland" (1992) die Frage weitergedacht, welches Gesicht Deutschland wohl hätte haben können, wenn Adolfs Hitlers aggressive Machtpolitik zum Erfolg geführt hätte. In seinem weltweit erfolgreichen und besonders in Deustchland sehr kontrovers diskutierten Thriller befinden wir uns im Jahr 1964. Die deutsche Nation bereitet sich auf den 75. Geburtstag des "Führers" vor, der Feldzug gegen Rußland steht kurz vor seinem siegreichen Abschluß und in den USA, mit denen 1946 Frieden geschlossen wurde, regiert Präsident John F. Kennedy. Das Berlin, in dem Kriminalkommissar Xaver März die Todesumstände eines Nazi-Parteigenossen der ersten Stunde ermitteln soll, ist eine gigantische Metropole. Doch neben dem pompösen Glanz, in den sich die Naziherrscher hüllen, gibt es eine dunkle, tödliche Seite des Staates, der Kommissar März zusammen mit der amerikanischen Journalistin Jane MacGuire auf die Spur kommt: er findet heraus, daß die jüdische Bevölkerung Deutschlands brutal vertrieben und ermordet wurde, damit sich die Herrscher an den Vermögen der Toten bereichern konnten. Harris sachkundiger geschriebener Roman zeigt uns, wie sich Berlin mit Alberts Speers gigantischen Bauten, Triumphbögen, Prachtalleen und Versammlungshallen vielleicht präsentiert hätte, wenn die Geschichte einen anderen Verlauf genommen hätte.

  Das heutige, wirkliche Berlin im wiedervereinigten Deutschland zeigt dagegen ein ganz anderes Gesicht, wie es Kommissar Arkadi Ranko von der Moskauer Polizei bei seinen Ermittlungen in Martin Cruz Smith's "Red Square" (New York 1992) zu sehen bekommt: Auf der Fährte wertvoller Gemälde der russischen Moderne verschlägt es den biederen Kommissar aus "Gorky Park" (New York 1981) und "Polar Star" (New York 1989) in das wiedervereinigte Berlin. Es ist eine Stadt voller Gegensätze - Verwahrlosung liegt neben Luxus, das Zusammenwachsen der beiden ehemals getrennten Teile der Stadt wird mit schmerzhafter Deutlichkeit spürbar.


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CLIFFORD, Francis (Arthur Bell Thompson).
The Naked Runner (New York 1966) (also: The Naked Spur. New York 1963)


Die Geschichte führt uns zurück in die Zeit des Kalten Krieges und der deutschen Teilung. Sam Laker ist nicht immer der unscheinbare Vertreter für Büromöbel gewesen, und deshalb ist auch die Gefälligkeit, um den ihn ein alter Geheimdienstfreund bittet, keine gewöhnliche Sache. Laker soll bei seinem Besuch auf der Leipziger Messe in der DDR Kontakt mit einer Agentin aufnehmen. Dabei wird er von dem ostdeutschen Stasi-Hauptmann Hartmann verhaftet. Doch statt Laker wegen Spionage anzuklagen, verlangt Hartmann von Laker, daß er in Kopenhagen einen abtrünnigen ostdeutschen Funktionär erschießen soll. Obwohl Francis Clifford (1917-1975) während des Krieges im Büro des Special Operations Service arbeitete, klingt seine Spionagegeschichte nicht besonders glaubwürdig. Gut getroffen ist aber die drückende, von der dauernden Angst vor den Spitzen des "Staatssicherheitsdienstes" (Stasi)  geprägte Atmosphäre in der damaligen DDR.


CARRÉ, John le. (David John Moore Cornwell) A Small Town In Germany (New York 1968)In Bonn erregte John le Carrés Romanfiktion von der Machtübernahme einer anti-westlichen, deutlich faschistisch orientierten "Bewegung" in Westdeutschland zum Zeitpunkt ihres Erscheinens viel Aufsehen und Widerspruch. 1980, so le Carrés Geschichte, ist Westdeutschland destabilisiert durch  Streiks und Aufruhr von unzufriedenen Mittelständlern, Arbeitern und Studenten. In dieser Situation verschwindet ein Angestellter der britischen Botschaft in Bonn mit geheimen Unterlagen über die deutsch-britischen Beziehungen und Alan Turner wird vom britischen Geheimdienst an den Rhein geschickt, um ihn zu suchen.

MIEHE, Ulf: Dead one in Berlin (New York 1976) (German Title: Ich hab noch einen Toten in Berlin, München 1973)

Filmemacher und Drehbuchautor Ulf Miehe (1940 - 1989) erzählt, wie ein junges Filmteam in Berlin Kontakt mit einem Großgangster aufnimmt und bei seinen Recherchen von ihm eine Idee erhält, wie ein ganz großes Ding zu drehen wäre - als Film natürlich. Doch je mehr sich die Jungfilmer sich mit dem Plan beschäftigen, desto mehr fragt man sich, ob sie wirklich nur einem Film drehen wollen. Miehes cleverer Roman vermischt geschickt die Ebenen von Realität und Fiktion zu einer ironischen Ganovenballade.

FORSYTH, Frederick: The ODESSA File (New York 1972)
Ein weiterer von Forsyths strategisch geplanten und exakt recherchierten Thrillern. Ein Journalist schleicht sich in eine bestens geführte Organisation von alten und jungen Nazis ein.

BUCKLEY JR, William F. (William Frank Buckley jr.). The Story of Henri Todd (New York 1984)
Buckley Super CIA-Agent Blackford Oakes wird kurz vor dem Zeitpunkt des Mauerbaus nach Berlin geschickt, um herauszufinden, was die DDR-Führung gegen den Bevölkerungsschwung zu unternehmen gedenkt.

HALL, Adam (Elleston Trevor). The Berlin Memorandum (London 1965, US-Title: The Quiller Memorandum, New York 1965)
Adam Halls Quiller, der beste Agent der Londoner "Zentrale" wird ins düstere Berlin des Kalten Krieges geschickt, um dort das Hauptquartier der Geheimorganisation "Phoenix" aufzuspüren.


ALLBEURY, Ted. (Theodore Edward le Bouthillier Allbeury).
The Only Good German (London 1967) (US-Title: Mission Berlin (New York 1986)

Einer der vielen Spionage-Romane Allbeurys aus der Zeit des Kalten Krieges. Ein britischer Agent hebt in Berlin und Hamburg eine neonazistische Terrorgruppe aus, die die Entspannungspolitik verhindern möchte.


ALLBEURY, Ted. The Special Collection (London 1975)
Während westdeutsche Politiker sich um einen friedlichen Ost-West-Dialog bemühen, bereiten die Falken im KGB sie den gewaltsamen Umsturz vor.

ALLBEURY, Ted. Wilderness of Mirrors (London 1988)
When SIS officer Robert Thornton's East Berlin operation crumbles around him, he finds that to control further damage in the way ordered by his superiors would threaten a woman he loves.


ROTH, Holly. The Content Assignment (London 1954) (US-Title: The Shocking Secret, New York 1955)
An excellent spy and counterspy story, the legword being done be an English journalist who falls in love with an American girl agent while in Berlin.

KAYE, M.M. Death Walked In Berlin. (1955) (Also: Death In Berlin, Chicago 1985)
Im Nachkriegs-Berlin erlebt eine junge Nichte eines britischen Besatzungsoffiziers eine wenig anregend erzähltes Mordgeschichte.

ALLBEURY, Ted. The seeds of treason (1986)

Ein weiterer Roman Allbeurys über die Arbeit des britischen Geheimdienstes im geteilten Berlin - und zugleich auch die romantische und unglaubwürdige Geschichte einer Liebesaffäre, die den Eisernen Vorhang überwindet.
© by Reinhard Jahn und Thomas Przybilka
Weiterverbreitung nur mit ausrücklicher Genehmigung










Autorennotiz / Authors Note:
Reinhard Jahn, geboren 1955, ist Schriftsteller und Journalist. Er veröffentlichte bisher rund 1.000 shortstories und unter seinem Pseudonym "H.P. Karr" zuletzt gemeinsam mit seinem Co-Autor Walter Wehner die Kriminalromane "Geierfrühling" und "Rattensommer".
Thomas Przybilka wurde 1950 im Ostteil von Berlin, in Köpenick geboren. 1957 flüchtete die Familie nach Westdeutschland. Przybilka ist von Beruf Buchhändler und führt seit 1989 das BoKAS [Bonner Krimi Archiv Sekundärliteratur]. Veröffentlichungen: zahlreiche Artikel und Rezensionen zum Krimi in deutschen und ausländischen Magazinen, sowie im Internet.
Gepostet von

24.5.17

Krimi-Ranking


Die sieben taffsten Ermittlerinnen
im deutschen Krimi:

Platz 7
Sina V. Teufel
von Lara Stern/Brigitte Riebe


Beruf: Anwältin
Revier: München
Erster Auftritt: 1992 in "Nix Dolci"
Bisherige Delikte:
Neun Romane, eine Verfilmung
-Charakter: Sina Teufel, die aparte Münchner Anwältin mit dem Sinn für gekonnte Auftritte, ist kein Gutmensch, kein hochsensibler Ermittlungs-Terrier. Sie ist vielmehr ein knallharter Profi, der Gefühle und Beziehungen dem Erfolg im Beruf opfert.
-Trivia: In der TV-Verfilmung "Inzest – Ein Fall für Sina Teufel" aus dem Jahr 1996 (Regie: Klaus Emmerich, Buch:  Günter Schütter und Riccarda Rose nach "Brüderlein, Schwesterlein" von Lara Stern) wurde Sina Teufel von Renan Demirkan dargestellt.

Platz 6
Anna Marx
von Christine Grän


Beruf: Journalistin
Revier: Bonn, Berlin
Erster Auftritt:  1986 in »Weiße sterben selten in Samyana«
Bisherige Delikte:
Neun Romane, sieben Hörspiele, eine Fernsehserie (zwei Staffeln)
-Charakter: Anna Marx ist groß und üppig, rothaarig und grünäugig, eine Rubensgestalt, gemalt aus vielen Lastern. Rauchen, Essen und Trinken gehören dazu, und natürlich Männer. Politische Korrektheit ist ihr fremd. Ihre Sprache ist klar bis vulgär, sie ist eine unmoralische Moralistin, zynisch manchmal, doch unbeirrt in ihren seltsamen Wegen.
Gute Eigenschaften? Sie hasst Sport in jeglicher Form.
-Trivia: Für ihren Roman MARX IST TOT wurde Christine Grän 1994 mit dem "Marlowe" der deutschen Raymond Chandler-Gesellschaft  ausgezeichnet. In der Fernsehserie wurde Anna Marx von Thekla Carola Wied gespielt. Über die Fernsehserie und die Benutzung der Figur "Anna Marx" gab es eine gerichtliche Auseinandersetzung zwischen der Autorin und der Produzentin der Serie.

Platz 5
Beate Stein
von Sabine Deitmer

Beruf: Kommissarin
Revier: Dortmund
Erster Auftritt:  1993 in "Kalte Küsse"
Bisherige Delikte:
Fünf Romane, zwei Hörspielbeabeitungen, zwei Verfilmungen
-Charakter: "Mein Name ist Stein, Beate Stein."  Die coole Dortmunder Kommissarin lebt mit ihrem Dauerlover "Beckmann" in einer schicken Wohnung am Hafen und bekommt es immer wieder mit gemeinen Serientätern und tragischen Frauenschicksalen zu tun.
-Trivia: Regie bei der ersten Beate-Stein-Verfilmung "Kalte Küsse" führte Carl "Abwärts" Schenkel. In der Verfilmung des zweiten Romans wurde aus "Neon-Nächte" dann "Der U-Bahn-Schlitzer".  Beate Stein wurde jeweils gespielt von Marie Bäumer.

Platz 4
Barbara Pross
von Silvia Kaffke

Beruf: Profilerin
Revier: Düsseldorf/Rheinland/Ruhrgebiet
Erster Auftritt: 2000 in "Messerscharf"
Bisherige Delikte:
Vier Romane, eine Verfilmung
-Charakter: BKA-Profilerin Barbara Pross hat sich nach einer gescheiterten Ermittlung für ein Jahr beurlauben, um ihre Krise aufzuarbeiten. Sie strandet in Düsseldorf, wo sie dem mysteriösen Thomas Hielmann begegnet, mit dem sich in den folgenden Bänden eine komplizierte Liebesbeziehung entwickelt.
-Trivia: Für die Verfilmung von "Messerscharf" wurde die BKA-Ermittlerin von Ann-Kathrin Kramer gespielt und hieß "Michelle Eisner". Ihr Partner war Peter Lohmeyer.


Platz 3
Karen Stark
von Anne Chaplet
Beruf: Staatsanwältin
Revier: Frankfurt und der Vogelsberg
Erster Auftritt: 1998 in "Caruso singt nicht mehr"
Bisherige Delikte:
Neun Romane und zwei Hörspiele
-Charakter: Kluge, starke Staatsanwältin, lebt anfangs allein mit ihrem Manufactum-Katalog und besucht regelmäßig ihren Vertrauten Paul Brmeer in Klein-Rose. Nach einer Affäre mit einem Rechtsmediziner hat in den letzten Romanen eine on/off-Beziehung zu dem Polizisten Georgio deLange.
-Trivia: Die meisten Staatsanwälte bearbeiten Strafsachen je nach dem Anfangsbuchstaben, unter dem sie er-faßt wurden. Karen Stark ist laut Geschäftsordnung zuständig für alle Fälle unter R (ohne Ra) und Sa-Sa..
Karen Starks erster Fall "Caruso singt nicht mehr" wurde ins Dänische und  Japanische übersetzt.


Platz 2
Ann-Kathrin Klaasen
von Klaus-Peter Wolf

Beruf: Hauptkommissarin
Revier: Aurich und ganz Ostfriesland
Erster Auftritt: 2007 in "Ostfriesen-Killer"
Bisherige Delikte:
Elf Romane (bisher).
-Charakter: Ann-Kathrin Klaasen, geboren 1970, gilt als Verhörspezialistin, aber auch als eigenbrötlerisch und wenig teamfähig. Sie ließ sich von ihrem Mann Hero scheiden, weil er sie ständig betrog. Seitdem hat sie ein heftiges Eifersuchtsproblem und wittert überall Konkurrentinnen. Ihr pubertierender Sohn Eike ging mit dem Vater. Das hat sie schwer angeschlagen. Inzwischen ist sie wieder glücklich verliebt in Frank Weller.
-Trivia: Der Klaasen-Krimi Nummer acht "Ostfriesen-Feuer" stieg nach Erscheinen gleich auf Platz Eins der Spiegel.-Bestsellerliste ein. Inzwischen gibt es auch "Ostfriesen-Killer"-Shirts,  Caps, Tacshen, Schirme und Schals – natürlich im "Ostfriesen-Shop".
K-P. Wolfs Bücher wurden in 24 Sprachen übersetzt und über 8 Millionen mal verkauft.
2017 kam die erste Ann-Kathrin Klaasen-Verfilmung auf den Bildschirm: Für das ZDF spielte Christiane Paul die Hauptrolle in "Ostfriesenkiller" (Buch: Florian Schumacher, Regie: Sven Bohse)


Platz 1
Bella Block
von Doris Gercke


Beruf: Privatdetektivin (im Buch), Kommissarin (im Fernsehen)
Revier: Hamburg und die Welt
Erster Auftritt:  1988 in "Weinschröter, du musst hängen"
Bisherige Delikte:
17 Romane, bisher 36 Fernsehfilme
-Charakter: Die Bella Block der Romane ist, abgesehen vom ersten Fall, nicht Polizistin, sondern Privatdetektivin. Das heißt, sie ist frei, ihr Leben zu gestalten, soweit man das überhaupt sein kann. Sie ist die Enkelin des russischen Dichters Alexander Block, deshalb spricht sie russische und liebt die Gedichte ihres Großvaters, in denen sie oft während Observationen liest. Bellas Blick auf ihre Umgebung ist ein "weiblicher Blick auf gesellschaftliche Verhältnisse".
-Trivia: Bella Block wird in den Verfilmungen von Hannelore Hoger gespielt. Die Filme der "Bella Block"-Reihe basieren nur zum geringen Teil auf den Bella Block-Romanen von Doris Gercke. Die Figur wurde für die Fernsehfassung von verschiedenen Autoren als eigener Charakter weiterentwickelt. In den Verfilmungen fährt Bella Block von Anfang an einen VW-Käfer.



KrimiRanking "Die sieben taffsten Ermittlerinnen"
Text: Reinhard Jahn, mit Material von Wikipedia und krimilexikon.de


22.5.17

Krimi der Woche: Ein Foto von der Witwe


 © Alle Rechte vorbehalten


Ein Foto von der Witwe

Von H.P. Karr

Nur wenige Trauergäste gaben Edda Breuer an diesem goldglänzenden Augusttag das letzte Geleit. »Was hat ihr eigentlich gefehlt?«, fragte Vicky Kant die elegante Dame, die neben ihr in ein Seidentaschentuch weinte.
   »Das weiß man nicht!«, schniefte die Dame. »War Sie auch eine Kundin von Ihnen?«
   Vicky murmelte, dass sie Anwältin war und Edda Breuer eine Klientin gewesen sei. Der Dame mit dem Seidentaschentuch gehörte ein exklusives Modegeschäft. Kein Wunder, dass sie die Trauernden ganz unter modischen Aspekten betrachtete: »Dort, die Rothaarige mit dem schwarzen Schleier - das ist ihre Tochter«, sagte sie leise zu Vicky. »Nina Belmont. Sie lebt in Italien. Sehen Sie ihr Trauerkostüm? Ein Designerstück aus dem Atelier von Giorgio Canale in Rom. Bestimmt erbt die Tochter jetzt Eddas Vermögen. Dabei hat sie sich kaum um ihre Mutter gekümmert hat. Bis sie ganz überraschend vor drei Wochen zu Besuch kam.«
   Vicky musste daran denken, dass Edda Breuer in der Tat ihre Tochter in ihrem Testament als Alleinerbin eingesetzt hatte.
   Nach der Trauerfeier fiel Vicky auf dem Friedhofsparkplatz der zivile Polizeiwagen mit Kommissar Beck am Steuer auf. »Observation?«, fragte sie und stieg unaufgefordert ein. Sie bemerkte das Foto von Nina Belmont, das Beck auf der Ablage liegen hatte. »Sie beschatten die Tochter der Toten?«
   Das Foto zeigte Edda Breuers Tochter in dem gleichen Trauerkostüm, das eben hier bei der Beerdigung ihrer Mutter getragen hatte – aber an einem anderen Grab.  »Die Kollegen in Rom haben das Bild vor einem halben Jahr bei der Bestattung von Antonio Belmont aufgenommen«, sagte Beck. »Die schöne Nina stand im Verdacht, ihren Mann umgebracht zu haben. Leider konnte man ihr nichts nachweisen. Und auch beim Tod ihrer Mutter hier gab es gewisse Zweifel. Aber wir brauchen weitere Hinweise, dass Nina etwas damit zu tun hat.«
   Vicky tippte auf das Foto aus Rom. »Auf der Beerdigung ihres Mannes in Rom trug Nina dasselbe Trauerkostüm wie heute bei der Bestattung ihrer Mutter.«
   »Na und?«
   »Das Trauerkostüm ist ein Designerstück von Giorgio Canale, also eine Einzelanfertigung«, sagte Vicky. »Und weil Nina dieses Kostüm, das sie vor sechs Monaten gekauft hat, heute bei der Bestattung ihrer Mutter trug, musste sie es zum Besuch bei ihrer Mutter aus Italien mitgebracht haben. Aber warum, frage ich mich, packt eine Tochter ein Trauerkostüm ein, wenn sie ihre Mutter besucht, die eigentlich kerngesund ist?«
Beck stieg aus. »Ich nehme Nina Belmont jetzt vorläufig fest. Wollen Sie sie vielleicht als Anwältin vertreten?«
   »Kein Bedarf!«, sagte Vicky und rauschte davon.

  

H.P. Karr: Ein Foto von der Witwe
Badische neueste Nachrichten
Ausgabe 20/2017 vom 22.5.2017
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14.5.17

Leutnant X - Geheimagent Lennet

Aus dem Krimi-Archiv

Leutnant X: Geheimagent Lennet 

München: Franz Schneider, ab 1965

Geheimagent Lennet, München: Franz Schneider, ab 1965
Foto: Volker Backert, mit frdl Genehmigung


»Geheimagent Lennet« ist eine achtzehnbändige Jugendbuchserie, die ab 1965 in der Zeit der Bond-Mania in Frankreich gestartet wurde, entsprechend ist Lennet als eine Art französicher Version von Bond junior gestaltet. Ein sportlicher Agent - blond, wenn wir den Titelbildern glauben - der bei seinen aktionsreichen Einsätzen für den Service National d'Information Fonctionnelle (»SNIF« in der deutschen Fassung »FND« = »Französischer Nachrichtendienst«) immer wieder das Abendland vor Kommunisten und Verbrechern rettet und sich dabei das Herz eines hübschen Mädchens erkämpft.
Über Lennets Herkunft ist wenig bekannt - seine Eltern kamen bei einem Flugzeugabsturz ums Leben und sein Vermögen wird bis zu seiner Volljährigkeit von einem Vormund verwaltet. Mit 18 wird er dem Geheimdienst SNIF zugeteilt, übersteht dort die ersten Qualifikationsrunden und setzt alles daran, Agent des SNIF zu werden. Was ihm gelingt.
Die französische Originalserie »Langelot agent secret« erschien von 1965 bis 1989 und erlebte zahlreiche Neuauflagen. AUf Deutsch gab es ab 1965 insgesamt 18» Geheimagent Lennet«Abenteuer als Schneider-Bücher. Schneider-Ton produzierte außerdem drei »Lennet«-Tonkassetten. (Die man bei youtube leicht finden kann)
Der Autor hinter der Serie war Vladimir Volkoff (1932 - 2005), der auch als Lavr Divomlikoff publizierte. Volkoff hatte Philosophie und Geschichte studiert und während des Algerienkriegs für den französischen Militärgeheimdienst gearbeitet. Danach wurde er freier Autor und veröffentliche Spionage-Romane und historische Romane.


Das Foto stellte freundlicherweise »Lennet«-Fan Volker Backert zur Verfügung, aus dessen Sammlung die gezeigten Bände stammen. 

13.5.17

Gerhard Eisenkolb (1945 - 2017)

 Gerhard Eisenkolb

(1945 - 2017)
 
Gerhard Eisenkolb, geboren 1945 in Karlsbad, war von 1968 bis 1970 Polizeireporter bei »Bild Berlin« und arbeitete unter anderem an einer Serie »Agentendrehscheibe Berlin" mit, aus der er, wie er behauptete, die Grundidee für seinen Roman-Erstling DIE 14 STUNDEN DES PATER DAVID schöpfte. Später war Eisenkolb bis 1974 Chefreporter der »Bunten«.
Mit dem Manuskript seines Erstlings, den er nach eigener Aussage aufgrund einer Wette schrieb, mit der er beweisen wollte, »dass jeder Reporter wirklich ein großes Buch in der Schublade habe und auch fähig sei, es zu schreiben« beteiligte er sich an einem Preisausschreiben des Wiener Molden-Verlages, in dem nach einem neuen deutschen Erzähler (»vom Schlage einer Vicki Baum«) gesucht wurde.
Er erhielt für das Manuskript, das er nach eigener Aussage, in 14 Tagen geschrieben und in weiteren 14 Tagen korrgiert hatte, den Preis gemeinsam mit anderen Autoren zugesprochen.
Eisenkolbs Bücher handeln, wie er sagte, von »dem einsamen Menschen, der von einer Umwelt manipuliert wird und versucht, auszubrechen.« Sie erzählen in einer schnörkellosen, effektsicheren Reporterprosa zeitnahe und aktuelle Geschichten aus der Welt der Geheimdienste und des internationalen Terrorismus.
Aus »rechtlichen Gründen« erschienen seine weiteren Kriminalromane in der Heyne-Reihe unter den Initialen »G.E.«. Außer Krimis und Spionagegeschichten schrieb Gerhard Eisenkolb noch einige Jugendbücher und unter anderem den Medienkonzern-Roman »Der Senator«.
Gerhard Eisenkolb starb, wie seine Lebensgfährtin mitteilte, am 10. Mai 2017.

Mehr über Gerhard Eisenkolb im Krimilexikon

8.5.17

Krimi der Woche: Verräterische Knastblüten


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Verräterische Knastblüten

Von Jackie Kowal


Hartmann saß jetzt schon seit einer Stunde vor DANNYS KNEIPE bei seinem kleinen Bier. Er hatte gerade noch zwei Euro in der Tasche.
Als Johnny Redder sich zu ihm setzte, erwachte Hoffnung in Hartmann.
»Hartmann!«, sagte Johnny. »Willst du dir leichte hundert Euro verdienen?«
»Erzähl«, sagte Hartmann. »Was soll ich machen?«
»Gar nichts!«, meinte Redder. Der kleine Kerl lebte nicht schlecht von seinen Villeneinbrüchen. »Wenn man dich fragen sollte, musst du bloß sagen, dass wir beide uns heute Abend zwischen acht und elf bei mir eine DVD angesehen haben.«


»Kein Problem!«, sagte Hartmann. »Ich war also von neun bis nach elf bei dir. Wir haben ›Conan‹ gesehen, mit Schwarzenegger ...«
»Nein, lieber ›Batman‹.« Johnny grinste. »Gefällt mir besser.« Er schob Hartmann einen klein gefalteten Hunderter hin. »Aber schmeiß nicht gleich alles zum Fenster raus!«
Es war Abend. Das Geräusch, das Bankdirektor Arnulf Steiner aus der ersten Etage hörte, als er gegen neun aus dem Golfklub kam, ließ ihn aufmerksam werden. Steiner nahm ein Neunereisen aus dem Golfbeutel und hastete nach oben.
Er kam gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie sich in seinem Arbeitszimmer ein kleiner Mann aus dem Fenster schwang und sich am Efeuspalier hinunterhangelte.

Dann wandte Steiner sich um. »Oh nein!«, stöhnte er.
 

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»Ikonen!«, sagte Steiner wenig später zu Kommissar Becker. »Drei Stück, spätes 16. Jahrhundert. Meisterwerke. Gesamtwert um die 50.000 Euro! Es war ein kleiner Kerl, etwa 1,60 groß. Er ist wie eine Fledermaus raus aus dem Fenster und am Efeu hinunter ...«
Johnny Redder lehnte sich gelassen zurück, als Kommissar Becker ins Verhörzimmer kam.

»Gestern gegen neun Uhr, wo warst du da?«, fragte Becker nur.
Johnny seufzte. »Das haben mich Ihre Leute auch schon gefragt, und ich habe ihnen das Gleiche gesagt wie ich Ihnen jetzt sage: Ich hab mir zusammen mit einem alten Kumpel daheim ›Batman‹ angesehen.«
»›Batman‹, wie passend«, meinte Becker. »Deswegen kam ich überhaupt auf dich. So hat Bankdirektor Steiner es nämlich ausgedrückt, bei dem du gestern ›wie eine Fledermaus‹ eingestiegen bist!«
Johnny schüttete den Kopf. »Alles Unsinn. Ich war gestern mit Paul Hartmann zusammen.«
»Warst du nicht!« Becker holte eine Plastikhülle heraus, in der ein Hunderter steckte. »Paul Hartmann ist nämlich gestern um neun verhaftet worden, als er in einer Pension sein Zimmer mit diesem falschen Hunderter bezahlen wollte. Seitdem sitzt er hier bei uns in Haft - weil er nämlich ohne Zimmer keinen festen Wohnsitz hat.«



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Badische neueste Nachrichten 17/2017
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H.P. Karr präsentiert: Mord nach Rezept – Band 7
Zwei Dutzend neue Kurzkrimis


Die Storyserie von H.P. Karr
Kurze Krimis für den kleinen Spannungskick
Unter anderem....
 Jackie Kowal:
Stefan schafft sie alle (Ein Fall mit Liebe)
Helga liebt Stefan. Aber liebt Stefan auch Helga? Oder nur ihre Wissen über die Sicherheitsvorkehrungen der Firma, bei der sie arbeitet? Denn Stefan ist ein Dieb. Und er möchte offenbar mehr stehlen als nur Helgas Herz.


H.P. Karr:
Pacta sunt servanda (Kaffeeklatsch mit einem Haifisch)
Irma Jakobsen empfängt Herrn Behrend zu einem Tässchen Kaffee auf der Veranda. Denn es gibt was zu besprechen - nämlich wie Irma aus dem Knebelverträgen der Kredite herauskommt, die Behrend ihr aufgeschwatzt hat.

Jackie Kowal:
Ein Mörder mit einer weißen Weste (Erstens stirbt man anders…)
Martin hat sich genau überlegt, wie er Stella loswird. Aber dann macht Stella ihm einen Strich durch die Rechnung, indem sie bei einem simplen Haushaltsunfall stirbt. Jetzt hat Martin nur noch das Problem, dass Stellas Bruder ihn für einen Mörder hält.

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