21.4.15

Die telefonische Mordsberatung auf WDR5 25.4.2015
Factsheet: Der Boom der Kurzkrimis

Die telefonische Mordsberatung auf WDR
Mach es kurz, Autor - Der Boom der Kurzkrimis
Factsheet
Ihr Krimi-Kompetenzteam: Reinhard Jahn, Thomas Hackenberg, Ingrid Müller-Münch, Ulrich Noller


















Während auf der einen Seite die Krimi immer seitenstärker werden, boomt auf der an-deren Seite das genaue Gegenteil: Die Krimikurzgeschichte. Jedes Jahr erscheinen rund 500 neue Kurzkrimis. Zu regionalen Themen, als Reiseführer, für Campingplatz-besucher, für Häuslebauer, zu Weihnachten, Ostern und für die Sommerferien.
Autoren lieben Kurzgeschichten nicht so sehr wegen der Form und auch nicht wegen des Geldes. Sondern weil eine Kurzgeschichte das ideale Programm bei einer Lesung ist. In 15 bis 20 Minuten Lesezeit kann man eine abgeschlossene Story präsentieren.
Für jede Lifestyle-Nische erzählen Krimiautoren scharfsinnige und amüsante Krimis. Die WDR 5 Krimi-Experten Ulrich Noller (KrimiZEIT-Bestenliste), Reinhard Jahn (Bo-chumer Krimiarchiv) und die Journalistin Ingrid Müller-Münch fragen: ist kurz immer besser? Oder braucht eine gute, vor allem spannende Mordgeschichte doch einen Roman?
Ob kurz oder lang: Empfohlen werden auch an diesem Mordsberatungsabend die besten Krimis des Frühjahrs.
Hörerinnen und Hörer können sich per E-Mail an der Sendung beteiligen. mordsberatung@wdr.de
Redaktion: Petra Brandl-Kirsch

Moderation: Thomas Hackenberg

Live aus dem Studio von WDR5 am
25. April 2015
21.05 bis 23.00 Uhr
WDR5

MP3 der Sendung ab Sonntag 26.4.2015 hier
Das MordsPDF mit allen Buchtipps aus der Sendung ab spätestens Dienstag 28.4.2015 hier

Der Kurzgeschichten-Boom


Die Kriminalkurzgeschichte – auch "Kurzkrimi" genannt – erlebt derzeit ein Comeback. Mehr als 500 neue Kurzkrimis – Story von sieben bis 15 oder 20 Seiten, erschienen jedes Jahr in Anthologien.
Comeback? Ja. Denn "Krimis" waren im Ursprung Kurzgeschichten ("Stories"). Man denke an die Dupin-Stories von Edgar Allen Poe, die das Genre konstituierten, und natürlich an die Sherlock Holmes Stories, die allesamt zuerst in Magazinen / Zeitschriften erschienen









In den USA hatten die Kriminalstories von den 1950ern bis in die 1970er Konjunktur, mit eigenen Story-Magazinen wie "Alfred Hitchcock's Mystery Magazine" oder "Ellery Queen's Mystery Magazine" (seit 1941, das heute noch existiert).







Zuvor hatte es in den Dreißigern und Vierzigern natürlich die "Pulp"-Magazine gegeben, in denen Kriminalstories erschienen und in denen sich Raymond Chandler und Dashiell Hammett ihre Sporen verdienten.








Kriminalstories in Deutschland
Die Anthologien versammeln in der Regel um die 20 Autorinnen und Autoren mit den Storys zu meinem bestimmten Thema. Die Themen spiegeln die ganze breite des Krimi-Entertainments wieder:
Regional ausgelegte Sammlungen (Eifel, Allgäu, Inseln, Bayern)
Zum Beispiel die beiden erfolgreichen Revierkrimi-Anthologien "Hängen im Schacht" und "Schicht im Schacht", die der Autor dieses Factsheets herausgegeben hat.
Details "Schicht im Schacht"
Details "Hängen im Schacht"



Weihnachts-Anthologien. Eine sichere Bank – weil auch als schnelles Geschenkbuch für's Fest geeignet. Alle Jahre wieder.

Aktuelle Kurzkrimi-Anthologien

Sie kriegen jeden: Die Liga der außergewöhnlichen Ermittler 
Zwanzig Kurzkrimis
herausgegeben von Sandra Lüpkes und Jürgen Kehrer,
dtv, Januar 2015
Autoren wie Friedrich Ani, Doris Gercke, Oliver Bottini, Rita Falck und andere erzählen einen Fall mit ihrem Ermittler/Detektiv, also mit Tabor Süden (Ani), Bella Block (Gercke), Louise Boni (Bottini) , sowie Ralf Kramp, Tatjana Kruse, Volker Kutscher, Inge Löhnig, Sandra Lüpkes, Susanne Mischke, Gisa Pauly, Jutta Profijt, Peter Probst, Thomas Raab, Silvia Roth, Michael Theurillat, Klaus-Peter Wolf


 

Küche, Diele, Mord, hrsg von Almuth Heuner,  KBV,
Krimis für jedes Zimmer des Hauses, Tatorte und Ermittlungen vom Keller bis zum Dachboden. Enthält den aktuellen (2014) Kurzkrimi-Glauser-Preisträger Alexander Pfeiffer.









Aufgebockt und abgemurkst, (2014) und
chillen, grillen, campen, (2015)  herausgegeben von Regine Kölpin, KBV
Zwei Sammlungen mit Kurzkrimis für und über Camping-Fans.









Festival-Anthologien, etwa zum
Mord am Hellweg
der CRIMINALE
dem Krimifestival München
in denen meist die späteren Festivalautoren eine Story über die Region / dieStadt schrieben, in der das Festival stattfindet.  Die Vermarktung findet dann beim Festival statt.






Autoren-Anthologien mit Stories eines einzigen Autors sind die Ausnahme. In der Regel sammeln sie auch nur die Stories, die an anderer Stelle bereits veröffentlicht wurden jetzt in einem Band.
Beispiele:
Tatjana Kruse: Ein Männlein hängt im Walde: Kriminelle Kurzgeschichten, KBV, 2015
Ralf Kramp: Mord und Totlach: Kriminelle Kurzgeschichten, KBV, 2014
Klaus-Peter Wolf: Mord am Leuchtturm: 17 Krimi-Erzählungen, Fischer, 2014

Spezialfall:
24 Stunden – 24 Autoren , E-Book,
24 Autoren aus der Selbstpublisher-Szene haben sich zu diesem Anthologie-Roman zusammengefunden. Schauplatz ist ein Berliner Luxushotel, jeder Autor siedelt seine Geschichte dort an, und zwar zu einer Stunde, (Uhrzeit), die vorgegeben wird.
Selbstdarstellung: "Im Herbst 2014 beschloss eine Gruppe von erfolgreichen unabhängigen Autoren, einen gemeinsamen Roman zu schreiben. Die Idee: 24 Autoren sollten mit ihren Geschichten 24 Stunden eines Tages füllen. Jeder in seinem Genre, mit seiner typischen Schreibweise und mit den eigenen Hauptfiguren anderer Romane. Krimi, Fantasy, Liebesromane, Humor, Thriller und sogar Science Fiction – alles sollte seinen Platz haben."
Mit dabei: Poppy J. Anderson, David Gray, Bela Bolten, Michael Meisheit etc
Mehr Details hier


Die durchschnittliche deutsche Kurzgeschichte als Anthologiebeitrag:
Länge: 12 bis 15 Seiten
Vorlesezeit: 15 bis 20 Minuten
Arbeitszeit: 4 Tage bis eine Woche
Honorar: 150 bis 250 Euro

Früher gab es auch den "Kurzkrimi" in Frauenzeitschriften und Programmzeitschriften
Länge: 4500 bis 10000 Zeichen
Lesezeit: 5 bis 7 Minuten
Arbeitszeit: 1 Tag
Honorar: 500 bis 1000 Mark (!)

Autoren lieben Kurzgeschichten nicht so sehr wegen der Form und auch nicht wegen des Geldes. Sondern weil eine Kurzgeschichte das ideale Programm bei einer Lesung ist. In 15 bis 20 Minuten Lesezeit kann man eine abgeschlossene Story präsentieren.

2.4.15

Boileau/Narcejac:
Der Tod erlaubt kein Double



Als Richard K. Flesch noch die Reihe der Rowohlt-thriller betreute, machten Titel wie "Parfüm für eine Selbstmörderin" oder "Wenn eine Tote mit zwei Männern lebt" auf  die ersten Psycho-Thriller des französischen Autorenpaares Pierre Boileau und Thomas Narcejac in Deutschland aufmerksam.
Boileau/Narcejac stand lange als Zeichen für perfekt ausgetüftelte Stories, die den Leser von einer Überraschung zur anderen führten.
Nun erscheint der jüngste Thriller von Boileau/Narcejac unter dem nichtssagend konfektionierten Titel "Der Tod erlaubt kein Double" und liefert nicht mehr als eine durchschnittlich spannende Geschichte um die psychologisch geschickt kalkulierte Rache eines querschnittgelähmten Stuntmans am Verursacher seiner Verletzung.
Deutlich wird in Konstruktion und Erzählung, wie Boileau/ Narcejac an ihre erfolgreiche Tradition des Psychothrillers anzuknüpfen versuchen, indem sie ein Seelendrama aus aufbrandenden Leidenschaften und verwirrten Gedanken auf engstem Raum inszenieren - doch vieles wirkt hier ebenso abgegriffen und konventionell wie der einfallslose Titel. Die Pointe, die quasi als doppelter Boden am Ende dennoch eine Überraschung zu bringen versucht, entlarvt das Buch sehr deutlich als das, was es ist: nur ein durchschnittlicher Krimi.
Reinhard Jahn

Boileau/Narcejac: 
Der Tod erlaubt kein Doube (Le dernière cascade)
Deutsch von Marianne Ceasar,
rororo-thriller 2760, 147 Seiten,
Erschienen im September 1986

1.4.15

Das aktuelle Krimi-Ranking:
Die elf besten Amnesie-Krimis

Platz 11
Evan Hunter
Schock (Buddwing, 1964)

Wann und wo? USA, New York, Anfang der 1960er
Wer vergisst was? An einem Samstagmorgen wacht ein Mann auf einer Bank in Central Park auf und stellt fest, dass er keine Ahnung hat, wer er ist. Er trägt einen teuren Anzug, in dem er lediglich ein Adressbuch mit einer einzigen Telefonnummer findet. Der Mann nennt sich "Sam Buddwing" und macht sich auf die Suche nach seiner Identität.

Insgesamt: Sigmund Freud trifft noir. Früher, an den Mainstream angelehnter Roman des späteren EdMcBain. Bereits mit allen Qualitäten seines späteren Ich: Präzise Erzählung, lakonischer Stil, nah am Menschen.

Platz 10
John Katzenbach
Der Professor (What comes next)

Wann und wo? Neu-England, heute
Wer vergisst was? Der pensionierte Psychologieprofessor Adrian Thomas erfährt, dass er an Demenz leidet, und zwar in einer seltenen, schnell verlaufenden und nicht heilbaren Form. Adrian zieht die für ihn rational sinnvollste Konsequenz: Er wird sich töten. Doch dann wird er Zeuge eines Verbrechens. Oder bildet er sich das nur ein?

Insgesamt: Typischer Katzenbach-Roman aus dem Grenzbereich zwischen Wenn und Wahrscheinlich. Opulent erzählt, mit Blick aufs Detail und Sinn für puschelige Psycho-Spannung. Andreas Kurth von der krimi-couch meint: " Mit der Person des Professors ist John Katzenbach eine eminent starke Figur gelungen, die mit purer Willenskraft gegen eine unheilbare und unaufhaltsame Krankheit ankämpft, um ihre Mission zu erfüllen."

Platz 9
Felicitas Mayall
Wie Krähen im Nebel

Wann und wo? Rom, München, heute
Wer vergisst was? Im Eurocity aus Rom wird die Leiche einer jungen Unbekannten entdeckt. Kurz darauf findet ein Bahnarbeiter auf den Gleisen des Münchner Hauptbahnhofs einen bewusstlosen Mann. Als dieser aus dem Koma erwacht, erinnert er sich an nichts mehr. Kommissarin Laura Gottberg ist ratlos.
Insgesamt: Amnesie goes Ermittlerkrimi.


Platz 8
Meg Gardiner:
Die Strafe (The Memory Collector)

Wann und wo? San Francisco, heute
Wer vergisst was? Das Flugzeug ist kaum in San Francisco gelandet, da spielt einer der Passagiere verrückt. Er schlägt wild um sich und kann nur von zwei Mitreisenden gebändigt werden. Die forensische Psychiaterin Jo Beckett lässt den Mann untersuchen. Diagnose: Sein Gehirn ist schwer beschädigt, vermutlich durch eine Art Gift, das eine irreparable »anterograde Amnesie« verursacht.
Insgesamt: Serienroman mit der forensischen Psychiaterin Jo Beckett.

Platz 7
S.J. Watson:
Ich. Darf. Nicht. Schlafen (Before I go to sleep)

Wann und wo? Großbritannien, heute
Wer vergisst was? Christine vergisst sich selbst. Als sie aufwacht, stellt sie zweierlei fest: Ein mittelalter Mann, offensichtlich verheiratet, liegt mit ihr im Bett. Ein Blick in den Spiegel verrät ihr, dass sie nicht mehr 25 Jahre ist, sondern eher 45. Als der Mann erwacht, stellt er sich als ihr langjähriger Ehemann Ben vor. Nachdem Ben wie jeden Tag zur Arbeit gefahren ist, klingelt ihr Telefon. Dr. Nash bittet sie, ihr vor zwei Tagen begonnenes Tagebuch zu lesen. Wir erfahren, dass er ihr Therapeut ist, der ihr dabei hilft die in Amnesie verbrachten 20 Jahre wieder erinnerlich zu machen.
Insgesamt: Pageturner. Kaum gelesen, schon vergessen.

Platz 6
Michael Robotham:
Amnesie (Lost)

Wann und wo? London, heute.
Wer vergisst was? Der Londoner Inspektor Vincent Ruiz wird aus der Themse gefischt, bewusstlos und mit einer Schusswunde am rechten Bein. Acht Tage liegt der 60- Jährige im Koma - und als er aufwacht, kann er sich an nichts erinnern. Mit wem hat er sich heimlich auf einem Schiff getroffen? Wer hat auf ihn geschossen? Und warum liegt in seinem Kleiderschrank eine Tüte voll Diamanten?

Insgesamt: Ein Roman aus Michael Robothams Serie um den eigenwilligen Inspektor Ruiz und den genialen Psychologen Joe O'Loughlin. AMNESIE ist die Fortsetzung von ADRENALIN. Von der australischen Crime Writers Association wurde Amnesie zum »Crime Book of the Year 2005« gewählt.

Platz 5
Andreas Hoppert:
Die Medwedew Variante

Wann und wo? Bielefeld, heute
Wer vergisst was? Marc Hagen erwacht - und weiß nicht wer er ist. Zum Glück ist da sein Freund Gabriel, der ihm erklärt, was passiert ist und warum er jetzt mutterseelenallein in einer Wohnung Bielefeld sitzt.

Insgesamt: Wendungsreicher, ausgetüftelter Amnesie-Thriller in der Tradition von Boileau-Narcejac. Und das in Bielefeld. Chapeau!

Platz 4
Arno Strobel:
Der Trakt

Wann und wo? Regensburg, heute
Wer vergisst was? Das letzte, an das sich Sybille Aurich erinnern kann, ist, dass sie auf dem Weg nach Hause war. Gegen Mitternacht. Durch den Stadtpark....
Als sie erwacht, ist sie in einer Klinik, oder sagen wir besser: einer Art Klinik. Sie sei eine Zeitlang ohne Bewusstsein gewesen, sagt der Arzt. Wie lange? Zwei Monate.

Insgesamt: Raffitückischer Psycho-Thriller, quasi die action-orientierte Melange aus S.J. Watson (siehe oben) und Mary Higgins Clark. (siehe unten). Absolute Psycho-Spannung. Lars Schafft von der krimi-couch meint: "Durch und durch teuflisch also, dieser Strobel."

Platz 3
Philip Sington:
Das Einstein-Mädchen (The Einstein-girl)

Wann und wo? Berlin 1932
Wer vergisst was? Das EINSTEIN-Mädchen ist eine junge Unbekannte, die in Caputh in der Nähe von Albert Einsteins Haus gefunden wurde. Ein Psychiater der Berliner Charité versucht, ihrem Geheimnis auf die Spur zu kommen.
Insgesamt: Ein wunderbar erzählter, brillant geschriebener historischer Roman mit vielen Krimi-Elementen, zugleich ein Gesellschaftsbild der dreißiger Jahre

Platz 2
Martin Suter:
Ein perfekter Freund

Wann und wo? Schweiz, heute
Wer vergisst was? Durch eine rätselhafte Kopfverletzung hat der Journalist Fabio Rossi eine Amnesie von fünfzig Tagen. Als er seine Vergangenheit zu rekonstruieren beginnt, stößt er dabei auf ein Bild von sich, das ihn zutiefst befremdet.
Insgesamt: Auf Literatur gedrehter Amnesie-Roman. Dennoch leicht und unterhaltsam zu lesen.

Platz 1
Mary Higgins Clark
Lauf, Jane Lauf (See Jane run)

Der Klassiker aus 1992
Wann und wo? Boston, heute (also 1992)
Wer vergisst was? Mittelstandsfrau Jane Whittaker vergisst beim Einkaufen, wer sie ist. Woher kommt das Geld in ihren Taschen? Das Blut an der Kleidung. Wer ist dieser Mann, den man ihr als ihren Ehemann vorstellt? Was sind das für Medikamente, die ihr angeblich helfen sollen?

Insgesamt: *Der* Anmesie-Klassiker an sich bündelt die Ängste moderner Frauen, nicht mehr mit sich selbst identisch zu sein und stellt die ewige Frage "Wer bin ich, und warum?" Sinnsuche im TV-Movie-Format.

(Text: Reinhard Jahn, mit Material von amazon.de, krimi-couch.de und der Telefonischen Mordsberatung)