29.6.14

Carl Hiaasen
Affentheater


Das Florida von Carl Hiaasen ist eine Ansammlung von Durchgeknallten, Hysterikern, Betrügern und Paranoikern – also von Menschen wie du und ich.

Andrew Yancy ist ein cooler Cop in Florida. Deshalb macht es ihm auch wenig bis nichts aus, sich um den abgetrennten Arm (männlich, weiß), den ein Fischer aus den Florida Keys geangelt hat, zu kümmern. Von seinem Boss als Polizist kaltgestellt, muss sich Yancy als Gesundheitsinspektor (auf "Schabenpatrouille") durchschlagen, was es ihm schnell unmöglich macht, in einem Restaurant auch nur irgendetwas zu bestellen, geschweige denn zu essen. Wie gut, dass der Arm, aktuell in Yancys Gefrierfach zwischengelagert, bald eine Geschichte bekommt: Er soll Nicky Stripling gehört haben, der von seiner Frau Eve als vermisst gemeldet worden war. Doch Yancy kommt die Sache weiter komisch vor; auch nachdem er den Arm der Witwe übergeben hat. Da ist zunächst einmal deren Stieftochter Caitlin, die behauptet, ihre Mutter habe Stripling umgebracht, um an dessen Geld zu kommen. So kommt eins zum anderen und Yancy kommt bei seinen Ermittlungen ziemlich weit herum, aber auch nicht so richtig weiter – aber das ist eigentlich auch egal.

Carl Hiaasen ist einer der schärfsten und auch scharfzüngigsten Kritiker der amerikanischen Gesellschaft – das spürt man bei jeder der vielen kleinen Geschichten, die er hier zum "Affentheater" zusammenwebt, in dem es nur am Anfang um den tiefgekühlten Arm geht. Das "Affentheater" ist voll ätzender Ironie und sarkastischen Witzen, aber auch gut angereichert mit wunderschönem Slapstick, der das Lesen zu einer reinen Freude macht. Wunderbare schräge Typen in einer brillanten Krimikomödie. Das Florida von Carl Hiaasen ist eine Ansammlung von Durchgeknallten, Hysterikern, Betrügern und Paranoikern – also von Menschen wie du und ich.

Reinhard Jahn WDR 5 Mordsberatung


Carl Hiaasen:
Affentheater
Manhattan

17.6.14

William Shaw
Abbey Road Murder Song




Tolle Unterhaltung mit herrlich schräg-sympathischen Figuren.
London 1968. Ein Teenager wird in der Nähe der Abbey Road in London ermordet aufgefunden. Ein Fall für Detective Paddy Breen, der auf seinem Revier nicht gerade wohlgelitten ist. Zu allem Überfluss wird ihm für den Fall des toten Mädchen, das zu den Beatles-Fans gehörte, die in der Nähe des Abbey Road Studios auf ihre Idole warten, noch ein neuer Partner zugeteilt: eine Frau. Detective Helen Tozer, ein Landei aus Cornwall, aber willig und bereit, alles zu geben, um Breen bei der Lösung des Falles zu helfen.
London in den Swinging Sixties ist die brillant erzählte Kulisse in diesem anfangs recht humorvollen, später dann aber doch noch durchaus ernsthaften Ermittlerkrimis. Britannien anno 1968 – das sind: verklemmte Bürger, brutale Polizisten und natürlich überall enthusiasmierte Beatles-Fans.
Tolle Unterhaltung mit herrlich schräg-sympathischen Figuren.
Reinhard Jahn WDR5 Mordberatung

William Shaw
Abbey Road Murder Song
Suhrkamp nova




Harald Gilbers
Germania


Ein ungewöhnlicher Schauplatz, eine gewagte Konstruktion, ein anspruchsvolles Anliegen. Harald Gilbers macht es sich bei seinem Krimi-Debüt nicht leicht – doch es gelingt ihm auch viel.

Berlin 1944 – eine Stadt im Bombenkrieg, das Dritte Reich vor dem Zusammenbruch. Und mitten  darin scheint ein Serienmörder sein Unwesen zu treiben. Drei Frauen hat er bisher schon getötet, ehe SS und die Gestapo  die Zusammenhänge ahnen: alle Frauen wurde ein Nagel getötet in den Kopf getrieben hat – und sie wurden stets in der Nähe von Kriegsdenkmalen abgelegt.
Als letzte Maßnahme wird der aus dem Dienst abgeschobene Kommissar Richard Oppenheimer zu den Ermittlungen hinzugezogen. Eine ungewöhnliche, absurde Situation: als Jude ist Oppenheimer mit seiner Frau gezwungen worden, in einem der Judenhäuser zu wohnen, sie müssen ständig fürchten, deportiert zu werden und sind den zahllosen Schikanen der Nazis ausgesetzt.
Auf der anderen Seite wollen die Machthaber sich Oppenheimers kriminalistische Fähigkeiten zu Nutze machen – er war maßgeblich an der Fahndung nach dem Serienmörder Carl Großmann beteiligt, der in den zwanziger Jahren in Berlin rund 20 Frauen umgebracht hatte.
Jetzt muss er für einen SS-Hauptsturmführer ermitteln, was hinter den brutalen Frauenmorden steckt – für die offensichtlich ein glühender Verfechter des Nationalsozialismus verantwortlich ist. Denn nach und nach tauchen Briefe und Bekenntnisse des Täters auf, in denen er deutlich macht, dass er seiner Meinung nach zum Wohle des Systems mordet.
Die Recherchen führen Richard Oppenheimer durch das zunehmend zerstörte Berlin bis zum Finale, bei dem er dem Mörder schließlich gegenübersteht.

Ein ungewöhnlicher Schauplatz, eine gewagte Konstruktion, ein anspruchsvolles Anliegen. Harald Gilbers macht es sich bei seinem Krimi-Debüt nicht leicht – doch es gelingt ihm auch viel. Eine spannende Geschichte, ein bedrückend genau geschildertes Lokal- und Zeitkolorit.
Reinhard Jahn WDR5 Mordsberatung

Harald Gilbers
Germania
Knaur