23.3.14

Marabo 2/1983
Dreh dich nicht um - Reportage Ladendiebstahl


Ladenklau: Dreh dich nicht um…

...der Detektiv geht um. "Du sollst nicht stehlen!" steht schon im Siebten Gebot der Bibel. Trotzdem schleppt der Ladenklau jährlich für mehrere Milliarden Mark Waren aus den Kaufhäusern. Unbezahlt.

Ein Privatdetektiv plaudert aus dem Nähkästchen.

Von Reinhard Jahn  und Annette Gilles

Wenn in einem großen Essener Bücherkaufhaus eine bestimmte Neunhunderternummer über die Lautsprecheranlage ausgerufen ist, ist der Bär los.
Dann kann man zwei gut gekleidete Herren durchs Taschenbuchsortiment nach vorn zur Kasse flitzen sehen, wo sie dann mit sanfter Gewalt - einer rechts, einer links - einen Kunden ins Gebet nehmen.
Ob's wirklich ein Ladendieb ist, stellt sich erst heraus, wenn der Unglückliche im Büro in der ersten Etage zur Sache "befragt" wird.

Das Räuber- und Gendarm-Spiel zwischen Rolltreppen und Warengondeln wird mehr als dreihunderttausend Mal im Jahr in der Bundesrepublik aufgeführt - mit wachsendem Erfolg: 1963 wurden nur 43.325 Fälle von Ladenklau angezeigt, 1974 waren es schon 188.560 und 1981 meldeten die Ladendetektive und Verkäufer mit den fixen Augen 312.920 große und kleine Fische bei der Kripo.
Trotzdem nennt die Kripo die Waren im Wert von zehn Millionen Mark, die 1981 allein in Nordrhein-Westfalen sichergestellt wurden, nur die "Spitze eines Eisberges". Die Schätzungen der Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels gehen davon aus, dass im Lauf des Jahres Waren für mehrere Milliarden Mark unbezahlt aus den Warenhäusern und Supermärkten geschleppt werden.
"Einklaufen" nennt das der Volksmund.

"Kein Wunder, dass bei den anfallenden Verlusten der Sicherheitsanspruch der Händler zu stark ist", sagt Walter H. aus Witten dazu.

Und er muss es ja wissen, denn er lebt als freischaffender Privatdetektiv mit einer kleinen Agentur und ein paar "Überwachungsaufträgen" nicht schlecht vom Sicherheitsstreben der Einzelhändler. Als ehemaliger Polizeibeamter hat er "die beste Ausbildung, die man sich denken kann" und natürlich auch die entsprechenden rechtlichen Kenntnisse, um seine Arbeit abzusichern.
Denn was Recht ist, muss auch Recht bleiben - deswegen hat es auch wenig Sinn, Detektiv H. danach zu fragen, ob er sich beim täglichen Cop-and-Robber-Spiel als Held oder Bösewicht versteht.
Seine Rechtsauffassung ist ebenso einfach wie klar:  "Mich stört es, wenn einer einem anderen Sachen entwendet." Sobald er in "seinem" Kaufhaus einen Ladenklau entdeckt, gibt es für ihn nur noch seinen Kontrakt und sonst gar nichts.

Und da steht, dass so ein Dieb gestellt werden muss.  "Dass ist ja meine Aufgabe", meint er. "Ich habe einen Vertrag mit dem Kaufhaus. Das ist  keine Frage."
Und natürlich juristisch wasserdicht nach § 855 BGB abgesichert: "Ich handele im Auftrag des Hauses. Als Besitzdiener!" Und als Besitzdiener hat er darauf zu achten, ob jemand "eine "fremde bewegliche Sache" wegnimmt, "mit der Absicht, sie sich rechtswidrig anzueignen." (§ 242 StGB)
Der Ladenklauer selber hat wenig Verständnis für solche formaljuristischen Differenzierungen, für ihn ist der Ladendetektiv einfach der "Greifer", der einen "weggreift", wenn man so dumm war, sich erwischen zu lassen.

Ansonsten  gibt es kaum fremde und bewegliche Sachen, die nicht mitgenommen werden. Von der Waschmaschine bis zum Lippenstift wird alles geklaut, was nicht niet- und nagelfest oder gut gesichert ist.
Detektiv H.: "Solche Schwachstellen, wo es dem potentiellen Dieb unheimlich leicht gemacht wird, müssen natürlich beseitigt werden!" Und zwar nicht nur im Verkaufsraum, sondern auch im Lager, denn das Personal ist mindestens so schlimm wie der Ladenklau unter der Kundschaft. Im "Rampengeschäft", weiß unser Detektiv, "da wird natürlich viel geschoben, auch in den Außenlagern und so weiter."
Ein Drittel lässt die Kundschaft mitgehen, ein Drittel das Personal und ein Drittel verschwindet durch Fehler bei der Warenhaltung und Warenbewegung - so schlüsseln Fachleute den Schwund auf, der in manchen Fachgeschäften bis zu drei Prozent des Umsatzes ausmachen soll.
Detektiv H. meint dazu aus eigener Erfahrung: "Ich würde sagen, es kann sich die Waage halten zwischen Personal und der Kundschaft, aber die Fehler in der Warenbuchhaltung selbst werden durch den Einsatz modernster Technik praktisch auf ein Minimum reduziert."

Mit der modernen Technik hat sich auch der Dieb auseinanderzusetzen, der es• auf Luxusgüter abgesehen hat. Da nageln Textilhäuser tellergroße Plastikmarken in die Konfektion, leimen die Schallplattenabteilungen magnetisierte Kontrollstreifen auf Tonbandkassetten und die Radioabteilung klemmt Elektrokontakte an Radiorecorder und Fernsehportables. Aber egal, was sich die Konzerne auch einfallen lassen, um dem Ladenklau das Leben schwer zu machen - die Anhänger des schottischen Einkaufens sind den Technik-Tüftlern der Sicherheitsindustrie durchaus gewachsen.
"Man versucht natürlich immer, die Nase vorn zu halten", sagt Detektiv H. dazu. "Aber was nutzt eine teure Technik, wenn sie nach einem halben Jahr überfällig geworden ist?" Denn nach. einem halben Jahr hat auch irgendein technisch versierter Ladenklau den Dreh gefunden, mit dem man Kontrollmarken selbst entfernen kann, ohne dass eine Sirene aufheult. Oder er hat zumindest einen Notausgang ohne Sensoren entdeckt, durch den er verschwinden kann.

Nachdem die Kaufhäuser dazu übergegangen sind, Ladendiebe grundsätzlich anzuzeigen, bringt jeder Fall für den Detektiv noch einen Sack voll Arbeit mit sich: im Kaufhausbüro muss überprüft werden, was der Dieb hat mitgehen lassen, seine Personalien werden festgestellt, ein Hausverbot wird ausgesprochen und die Anzeige für die Polizei geschrieben. Dann geht alles seinen behördlichen Gang: Ermittlungen werden angestellt, und sobald jemand bei der Staatsanwaltschaft ein öffentliches Interesse an der Sache feststellt, wird auch Klage erhoben. Die kann dann bei Wiederholungstätern, Bandendiebstählen oder Vorfällen, bei denen Raubelemente mit im Spiel waren, böse Folgen haben: "Dann werden ganz empfindliche Strafmaße ausgesprochen!" erklärt Detektiv H. und erinnert sich an ein wiederholt aufgefallenes Ehepaar, das schließlich 24 und 20 Monate auf Bewährung bekam, zuzüglich 5.000 DM Geldstrafe.
Wie bestraft wird, hängt grundsätzlich von der Einschätzung der Staatsanwaltschaft ab, die bei Ersttätern oder Bagatellsachen auch schon mal einen Ladenklau mit einem blauen Auge in Form einer Geldspende an eine gemeinnützige Vereinigung davonkommen lassen. Großer Beliebtheit erfreut sich auch der Wochenendeinsatz in sozialen Einrichtungen.

Solche Maßnahmen gelten nicht als Vorstrafen, ganz im Gegensatz zum normalen Strafbescheid über 100 oder 150 Mark und mehr, der bei den Unbelehrbaren erlassen wird. 
Aber bevor man den Ladenklau verurteilen kann, muss man ihn erst erwischen. Detektiv H. bekommt durchschnittlich zehn Anzeigen im Monat durchs Gefühl: "Wenn man das lange genug gemacht hat, bekommt man automatisch ein Gespür" dafür, dass da etwas laufen könnte", sagt er. "Also ich seh das an den Augen. Ich habe schon Fälle gehabt, da habe ich gesagt: 'Also, dem gehen wir hinterher!' Das war am Haupteingang, und dann sind . Wir drei Etagen hochgefahren, das hat eine ganze Stunde gedauert, und' dann hat der auch geklaut!"

Es ist natürlich das Verhalten, das den Ladendetektiv aufmerksam werden lässt: Das Umherschauen, die Blicke zum Verkaufspersonal und die Position, in der man zum Warensortiment steht. "Aber das sind schon wieder Sachen", sagt Detektiv H., "die möchte ich nicht so gerne erzählen. Wenn die veröffentlicht werden, dann könnte der Täter sich natürlich darauf einstellen."
Für seine überwiegend jugendliche Kundschaft hält sich Detektiv H. mit Schwimmen und Dauerläufen in Form: 37 Prozent aller gefassten Ladendiebe sind unter 21 Jahren alt, und was sie klauen, ist eigentlich kaum der Mühe wert, hinter ihnen herzujagen. 58 Prozent der Ladendiebe hatten Waren im Wert bis zu 25 Mark eingesteckt, 27 Prozent hatten nach Sachen gegriffen, die bis zu hundert Mark kosteten.
Der Trickdieb, der mit der Sackkarre über die Laderampe kommt, den Verkäufer fragt, ob er ihm doch bitteschön die zehn Videorekorder aufladen könne und der dann verschwindet, nicht ohne noch vorher einen Karton Kassetten mitgenommen zu haben, ist die Ausnahme, genauso wie der Landgerichtspräsident oder die Nonne, die schon beim Klaufen erwischt worden sind. Oder auch der Gerichtsgutachter mit dem Spezialgebiet 'Kleptomanie und Ladendiebstähle', den ein Rasierspiegel vor den Kadi brachte. Wer den Schaden hat, braucht für die Kosten nicht zu sorgen.

Egal, ob sich ein Kaufhaus eine Stücksicherungsanlage für 50.000 Mark leistet oder sich wie die Karstadt AG 180 Detektive - pensionierte Polizisten, ehemalige Zeitsoldaten und  Bundesgrenzschützer - in Lohn und Brot hält (Kostenpunkt: 8 Mio. Mark), man fühlt sich der Faustregel verbunden, dass Eigentum verpflichtet. Und zwar zum Schutz desselben vor Langfingern. Dazu ist dann auch jedes Mittel recht: da werden die Namen der ertappten Ladendiebe am Schwarzen Brett ausgehängt, da schnüffeln durch Kopfprämien (die der Ladendieb zu zahlen hat) scharfgemachte Verkäufer in den Taschen der Kunden in der Kassenschlange. Oder man sagt dem Kunden gleich, dass man glaubt, er könne seinen inneren Schweinehund nicht im Zaum halten:

"Bitte schließen Sie Ihre Tasche doch am Eingang in unsere Schränke ein." "Vertrauenskunden" führen das Personal in Versuchung; "Schmuhgeld" an der Registrierkasse vorbei in die eigene Tasche zu stecken.
Den Ladendieb aber, den fortgeschrittenen, ficht aller Sicherheitsaufwand kaum an. Wird ihm das Pflaster in einem Laden zu heiß, wechselt er einfach ins Nachbargeschäft, da klappt dann meistens alles wie gehabt: Kleine Sachen verschwinden in tiefen Parka- oder Manteltaschen, die unten aufgeschnitten sind, damit zwischen Futter und Stoff genügend Platz zum Bunkern entsteht. In den Umkleidekabinen von Textilgeschäften schlüpft man in zwei oder drei Paar Hosen, zieht noch eine Jacke drüber und verschwindet.
Im Kaufhaus-Supermarkt wird rasch eine Flasche Schnaps über die Barriere zum Kumpel hinübergereicht, oder, wie man sich in Insiderkreisen erzählt, die Kaviardose in der Tüte mit den Weintrauben versteckt.
Wie sich überhaupt das Prinzip "Teure geklaute Ware in der billigen gekauften" immer mehr durchsetzt, seitdem die dreiteiligen, bombenfest geklebten Preisschilder den notorischen Etikettenknibblern den Garaus gemacht haben, die es schon fertiggebracht haben sollen, den Krimsekt (cirka 20 Mark) zum Preis von deutschem Schaumwein (5 Mark) durch die Kasse zu bringen.


Beim Diebstahl selbst muss man auch die Spezialisten erwischen, die zunächst einmal wirklich einkaufen und dabei ihre Handschuhe an der Kasse liegenlassen. Nach zwei Minuten kommen sie mit leerem' Einkaufsbeutel zurück, füllen alles, was sie eben gekauft haben hinein und holen sich die Handschuhe an der Kasse wieder ab. Hat man den Spezialisten nicht beim zweiten Mal dabei beobachtet, wie er gestohlen hat, kann man ihm nur sehr schwer auf die Schliche kommen, denn schließlich hat er für alle Waren in seiner Tüte noch einen Bon, den er beim ersten Einkauf bekommen hat. Dass die Dinge aus dem ersten Einkauf aber beim Kollegen draußen auf der Straße deponiert sind, geht keinen was an.
An die Grenze des Betruges geht es auch, wenn sich einer ein Gerät für fünfzig Mark kauft, sich dann ein zweites Exemplar aus dem Regal nimmt und es samt Kassenbon bei der Kundendienstabteilung zur Reklamation oder zum Umtausch vorlegt. Mit dem Warenscheck, den er dann meist bekommt, kann er weiter einkaufen.

Als Gesellschaftsspiel bei Jugendlichen ist auch das Gruppenklauen eingerissen, bei dem einer oder zwei die Verkäuferinnen mit dummen Fragen ablenken, während die anderen . die Regale abräumen.
Was geklaut wird und von wem kann sich jeder Geschäftsmann ausrechnen, wenn er sich die Gegend betrachtet, in der sein Laden liegt. Detektiv H.: "Wenn es zum Beispiel ein Warenhaus im Bereich einer Berufsschule ist, dann kann man davon ausgehen, dass vor allem Kosmetika und Alkohol gestohlen wird. Natürlich hängt das alles auch vom Sortiment ab, das angeboten wird. Wie das ausgestellt ist und was da für Ware präsentiert wird." Wer in diesem Zusammenhang allerdings den Ladenklau ideologisch als eine Art angewandter Kapitalismuskritik verbrämen will, der übersieht, dass in der Regel zwar mit einem erfrischend unterentwickelten Unrechtsbewusstsein aber ohne jede weltanschauliche Basis geklaut wird, Der persönliche Erfolg steht im Vordergrund und das Erlebnis des Konsumrausches ohne finanzielle Reue. Das ist die Klemme, in die sich die Herren der Konsumtempel mit ihren psychologisch 'ausgetüftelten Verkaufsdisplays und Warenpräsentationen selbst hineinmanövriert haben: Der Kunde soll sich vergessen und zugreifen - egal ob er das Ding braucht oder nicht. Wie perfekt ihre Strategien wirken, können die Warenhäuser eigentlich am Ladenklau messen. Der greift nämlich zu und vergisst auch noch das Bezahlen.

Reinhard Jahn und Annette Gilles:
Dreh dich nicht um
Reportage Ladendiebstahl
in: MARABO, Heft 2(Februar) 1983, S.40 - 42






21.3.14

Marabo 2/1981:
Solange der Bizeps nicht beim Denken stört – Portrait Herbert Somplatzki

Herbert Somplatzki - Schriftsteller, in der Bodybuilding-Szene und im Trimm Dich-Center gleichermaßen zu Hause wie in der Volkshochschule und der Essener Kulturpolitik

Ein Portrait von Reinhard Jahn und Andreas Böttcher


Die Bewegung ist zu Ende. Die Arme sind vollständig gestreckt.
Die Muskelfasern des Trizeps brachii, auf das Äußerste kontrahiert, verkürzt, leisten den leichten Anstrengungseinsatz.
Sie halten das schwere Eisengewicht senkrecht über dem Kopf, durchglüht von brennendem, zitternden Schmerz.
Der Atem keucht.
Schweiß strömt über Gesicht und Hals, Brust und Rücken.
Noch halten die Arme das Eisen über dem Kopf.
Schmerzend und zitternd.
Schwankend in erschöpfter Anstrengung.
Dann wuchtet - mit letzter Kraftanstrengung Karl-Heinz die Hantel auf den hellgrauen Teppichboden. In sich zusammengesunken sitzt er auf der Bank.
Die gebeugten Arme auf die Oberschenkel gestützt.
Den Kopf tief gesenkt.
Und die Geräusche von Herzschlag und Atem hüllen ihn ein.

Warum treffen wir den Mann, der die Körperarbeit in einem Bodybuilding-Studio so pedantisch und intensiv beschreibt, ausgerechnet in der Volkshochschule? Vielleicht weil die hantelklappernde und schweißtreibende Atmosphäre eines Sportstudios nur dem Bodybuilder Herbert Somplatzki gerecht werden würde und nicht so sehr dem Schriftsteller.
Also sind wir auf die VHS Essen  verfallen. Er wartet in dem nach dem nach dem Vorbild klassischer Amphitheater angelegten Forum, unauffällig in einem der unbequemen Ledersessel. Herbert Somplatzki, kurzgeschnittenes, schwarzes Haar, brauner Rollkragenpullover, eine braune Collegmappe in der Hand.
Beruf: Schriftsteller.

Wie jeder einigermaßen presseerfahrene Mitmensch hat auch Herbert Somplatzki auf einer DIN-A-4-Seite einen kurzen Standardlebenslauf mit einer Liste bisheriger Berufe und Veröffentlichlungen zusammengestellt:
1934 in Masuren geboren, nach der Volksschule Berglehrling, 11 Jahre im Ruhrbergbau tätig, neuneinhalb Jahre davon Untertage. Anschließend Ausnahmestudent der Deutschen Sporthochschule in Köln, Ausbildung zum Diplom-Sportlehrer. Studium der Erziehungswissenschaften Diplom-Pädagoge. Seit knapp einem Jahr als freier Schriftsteller tätig, Wohnort Essen.
Aber auch ohne diesen Lebenslauf zu kennen kann man schon sehr viel über Herbert Somplatzki sagen, wenn man seinen Romanerstling 'Muskelschrott' (1974) und seinen in diesen Tagen erschienenes Jugendbuch 'Schocksekunde' gelesen hat.
'Muskelschrott', den er heute als "fast zu privat" einschätzt, erzählt die Geschichte des Berglehrlings Horst, der mit 15 Jahren auf der Zeche anfängt, später Karriere als Fußballprofi macht und schließlich nach einer schweren Verletzung auf dem Spielfeld von der Stadtverwaltung eingestellt wird und in einem Freizeitpark arbeitet, wo er allerdings schon nach recht kurzer Zeit mit der Bürokratie aneinandergerät und im Rahmen eines Arbeitsgerichtsprozesses hochoffiziell gegangen wird.
Und genauso wie dieser Horst hat auch Karl-Heinz, Protagonist in 'Schocksekunde' eine Lebenskrise zu bewältigen, in die er durch eine schwere Verletzung gestürzt wird. Horst trifft es auf dem Fußballplatz, Karl-Heinz baut einen Motorradunfall, der ihn körperlich handicapt und ihn zwingt, einen neuen Anfang zu machen, sich zuerst einmal selbst zu finden.
Die Rückbesinnung auf• den eigenen Körper, das buchstäbliche Arbeiten an sich selbst wird dabei sowohl für Horst, als auch Karl-Heinz zu dem Mittel, mit dem sie ihr angeschlagenes Selbstvertrauen wieder aufbauen, mit dem sie eine neue Selbstsicherheit finden. Karl-Heinz arbeitet in 'Schocksekunde' - Untertitel 'Leben musst du selber' so lange an sich, bis er, äußeres Zeichen seines Erfolges, Junioren-Meister der Bodybuilder wird. Die Szene kennt Herbert Somplatzki aus eigener Erfahrung ("Solange mein Bizeps mich nicht beim Denken stört..."), und die Bedeutung, die er der Arbeit an sich selbst beimisst, wird deutlich, wenn er sagt: "Wir haben nicht einen Körper, wir sind ein Körper wir sterben mit ihm."
Die Beschreibung von Bewegungsabläufen, körperliche Anstrengung und die Sportszenen gehören deshalb auch zu den intensivsten. Passagen seiner Bücher, und es nimmt auch kaum Wunder, dass auf der Liste seiner Veröffentlichungen auch ein Sachbuch über 'Körpertraining und Bewegungsgestaltung im darstellenden Spiel! zu finden ist.
Wenn er schreibt, dann weiß er, was er tut. "Wenn ich eine Motorradfahrt beschreibe, dann fahre ich das auch!", sagt er. Sei es ein Boxkampf, ein Sprung vom Siebenmeter-Brett oder das Training in der Sportschule. Somplatzki versteht es, die  Vorgänge in ihre Einzelteile zu zergliedern und sie in abgehackten, mitunter stakkatoartig montierten Sätzen und Worten pedantisch genau zu erfassen. Wobei er, und das hebt ihn als Autor über die Ebene des normalen Sport-Sachbuches hinaus, neben den äußeren Bewegungsabläufen auch noch das innere Erleben seines jeweiligen Protagonisten zu vermitteln versteht.
"Ich schreibe nur das, was ich persönlich nach- oder vorvollziehen kann!", sagt er. Dementsprechend direkt und unmittelbar sind dann auch seine Texte, für die er keine gängige Interpretation zur Hand hat. So etwas, meint er, kann man getrost den Germanisten überlassen, die es fertigbringen, ganze Dissertationen über ein einzelnes Romankapitel zu schreiben. Somplatzki selbst begnügt sich damit, auf die beiden Bücher zu zeigen, die vor ihm liegen und zu sagen: "Das wollte ich erzählen." Auch wenn man manchmal den Eindruck haben kann, dass er Schwierigkeiten hat, in einer durchgehenden Romanhandlung die Einzelszenen richtig zu gewichten, muss man ihm zugestehen, dass jede einzelne Passsage für sich genommen durchaus bestehen kann. Denn sprachhandwerklich ist jeder Romanabschnitt allein genommen ein kleines Kabinettstückchen, dem man die sprachliche Filigranarbeit, die dahinter steckt nicht anmerkt.

Das Handwerkszeug dazu hat sich Herbert Somplatzki durch seine 'Schrumpfstories' erarbeitet. Diese kleinen, auf 50 Worte begrenzten Geschichten sind Shortstories im wahrsten Sinne des Wortes: kurz, prägnant, mal lustig, mal nachdenklich. Sprachökonomie, die jeden Inhalt in seiner einfachsten und deutlichsten Form mitteilt. Geschichten, an denen bis zuletzt gefeilt und gearbeitet worden ist.
Dass er gerne feilt und seinen Arbeiten selbstkritisch gegenübersteht, wird auch in unserem Gespräch deutlich: Er fragt nach, er will wissen, was mir an seinem neuen Roman auffällt, wie gewisse Passagen wirken. Er erkundigt sich nach dem Eindruck, den ich beim Lesen gehabt habe. Kritik nimmt er dabei gelassen zur Kenntnis, überprüft sie, verteidigt sich nur, wenn er sich missverstanden fühlt und fragt ansonsten nach Verbesserungsvorschlägen. Ein Autor. wie man ihn sich als Verlagslektor eigentlich nur wünschen kann, zumal seine Arbeitsmethode (zuerst ein drei oder vierseitiges Konzept, das dann nach und nach ausgebaut wird) stets für Anregungen, Kritik, Tipps und Diskussionen offen ist. Aus dieser Arbeitsbeschreibung entsteht der Eindruck, dass Herbert Somplatzki noch nach einer Suche nach einer unverwechselbaren eigenen Identität ist, dass er sich in seiner neuen Position als Berufsschriftsteller jetzt zwischen den Erfordernissen des Marktes und den eigenen Absichten zurechtfinden muss. Wobei er allerdings keine Neigung zeigt, gängige und unterhaltende Marktware zu produzieren, denn er hat Persönlichkeit genug, seine eigenen Vorstellungen zu umreißen und sie im Rahmen des Möglichen auch durchzuführen.

Wenn man mit ihm redet, muss man sich seinem Tempo anpassen, er ist liebenswürdig und gesprächig, ohne geschwätzig zu sein, denn die defensive Diplomatie ist nicht seine Art. Er sagt, was er denkt und er denkt augenscheinlich auch das, was er sagt. Dass er mit der Kultusbürokratie ; im allgemeinen und der in; Essen im besonderen auf Kriegsfuß steht, ist kein Geheimnis, was er von Kollegen und Verlegern hält, sagt er auch dann, wenn es kritische Bemerkungen sind. Verletzend wird er allerdings nie, weil er Humor hat. Meint er doch zur Essener Kulturpolitik: "Ich glaube, wir brauchen keine Literaturförderung, weil wir doch inzwischen die Laserstrahlen am Rathaus haben."

Herbert Somplatzki:
Muskelschrott, Roman, Fischer Nr. 1429.
Zeit der Pilze, Schrumpfstories, Verlag Homann Wehr,
Schocksekunde, Franz Schneider Verlag. .


Reinhard Jahn:
Solange der Bizeps nicht beim Denken stört – Portrait Herbert Somplatzki
in: MARABO. Bochum. Heft 2(Februar) 1981, S. 57-58

 


19.3.14

Von Edgar Allan Poe bis zum TATORT


Von Edgar Allan Poe bis zum TATORT
Vortrag
Von Reinhard Jahn

Das Gute kann nur durch das Böse existieren - und im Krimi kann der Detektiv nur durch den Täter - in der Regel ein Mörder - existieren. Mehr noch: Ohne den Täter gabe es keine Berechtigung für den Detektiv. Ohne Mörder keinen Mord, ohne Mord keine Aufklärung.
Der erste Ermittler, die erste Mordaufklärung liegen mehr als 170 Jahre zurück – im Jahr 1841 erschien die "erste Kriminalgeschichte" - Der Doppelmord in der Rue Morgue (The Murders in the Rue Morgue) von Edgar Allan Poe.
Es geht um einen Doppelmord an zwei Frauen im ersten Stock eines Hauses in der Pariser Rue Morgue – das Verbrechen fand in einem verschlossenen Raum statt, so dass sich die Frage stellt, wie der Täter herein – und vor allem: wieder herausgekommen ist.
Der "Ermittler" in diesem Fall heißt Auguste Dupin, er ist offenbar ein wohlhabender Nichtstuer, der mit einem Freund in einer Villa in Paris lebt und von der Mordtat durch  die Berichte in den Zeitungen erfährt.
Erzählt wird die Geschichte von ebendiesem Freund, mit dem er zusammen wohnt, er fungiert als Berichterstatter des Auguste Dupin, er fasst auch für den Leser alle Berichte, Untersuchungsergebnisse und Zeugenaussagen zusammen – und ist am Ende entsprechend überrascht, wenn Dupin seine Lösung des Mordfalles präsentiert. Diese Lösung hat Dupin mittels der "Deduktion" – also der logischen Interpretation und Verknüpfung der vorliegenden Fakten  -  gefunden.

Wir sehen - schon in der ersten Detektivgeschichte ist das Muster aller weiteren Detektivgeschichten angelegt: Eine geheimnisvolle Mordtat, ein Ermittler, der die Fakten betrachtet und Indizien sammelt – und ein Berichterstatter, der zwischen uns, dem Leser, und dem Genie des Detektivs vermittelt.
Was der ersten Detektivgeschichte noch fehlt, ist der Bösewicht – der Täter, der Gegner des Detektivs. Wer die Lösung des Falles vom "Doppelmord in der Rue Morgue" kennt, wird wissen, was gemeint ist. Der Täter ist ein entsprungener Orang Utan, ein Tier also, das durch eine Reihe zufälliger Ereignisse zum "Doppelmörder" wurde.
Der Gedanke, dass ein guter Detektiv und eine gute Detektivgeschichte einen echten und guten Bösewicht benötigen, also einen Menschen, der in negativer Hinsicht ebenso genial planen kann wie unser Detektiv analysieren kann – diesen Gedanken hatte knapp 40 Jahre nach Edgar Allen Poe (1887) schließlich ein Londoner Arzt, der außer dem berühmtesten Detektiv aller Zeiten – Sherlock Holmes – auch einen der bekanntesten Bösewichter erfand:
Professor Moriarty,
der von Sherlock Holmes der "Napoleon des Verbrechens" genannt wird. Moriarty war dem Meisterdetektiv aus der Baker Street intellektuell ebenbürtig, verstand das Verbrechen als Kunstwerk und nicht selten auch als Herausforderung an seinen Gegner. Die Sherlock Holmes natürlich gern annahm.
Der Täter - das Böse – ist im Krimi das zerstörerische Element, gegen das der Detektiv - der Gute - mit ordnender Hand antritt, indem er klärt und erklärt, das unentdeckte entdeckt und die Ordnung wieder herstellt, die vor dem Verbrechen herrschte.
Beziehungsweise der Ordnung (oder dem Recht) zur Geltung verhilft - indem er den Täter überführt und dem Rechtssystem zuführt.

Bei der klassischen Detektiverzählung - auch gern Rätselkrimi oder Häkelkrimi genannt - verfolgen wir den Ermittler bei seiner Arbeit und erfahren erst am Ende die Identität des Täters. Unsere Identifikation mit dem Helden ist groß, wir teilen seine moralischen Werte und seine Abneigung gegen das Verbrechen. Wir wollen genau wie er: Klarheit, Wahrheit, Gerechtigkeit.
Wir kennen sie alle, die Helden und Heldinnen aus dem "goldenen Zeitalter" des Krimis, den zwanziger und dreißiger Jahren in Großbritannien: Hercule Poirot und Miss Marple, erdacht von Agatha Christie, Lord Peter Wimsey, erdacht von Dorothy Sayers – und die vielen Nachahmer. Was immer gleich blieb in den Romanen des "Golden Age" war die Struktur der Geschichte: Die Tat (der Mord, das Geheimnis) – die Ermittlung – die Auflösung.
***
Aber was ist, wenn die Geschichte andersherum aufgezogen wird? Wenn wir als Leser auf der Seite des Verbrechers (des Nonkonformisten, des Regelverletzers) stehen? Dann haben wird es - technisch gesehen, zunächst einmal mit einer "inverted story" zu tun, einem Krimi mit umgedrehten Vorzeichen; ein Roman, der zunächst die Tat und den Täter schildert und dann die Versuche des Detektives verfolgt, die Tat aufzuklären und den Täter zu überführen.
Da erfahren wir also von Anfang an (und nicht erst retrospektiv) etwas über Entstehung und Motivation eines Verbrechens, und es geschieht zwangsläufig etwas, was ein klassischer Rätselkrimi vermeidet: dass wir im folgenden Duell zwischen Täter und Ermittler wahrscheinlich eine deutliche Empathie mit dem Täter entwickeln, dem wir es vielleicht sogar gönnen würden, ungeschoren davonzukommen. Aber selbstverständlich passiert das bei der klassischen umgedrehten Krimigeschichte nicht - die inverted story ist und bleibt ebenfalls nur ein Spannungs- und Rätselspiel.
Als einer der ersten spielte dieses umgekehrte Spiel Francis Iles mit seinem Roman  Before the fact (dt: Vor der Tat) im Jahr 1932. Iles war fest in der britischen Tradition des Goldenen Zeitalters mit seinen Landhaus- und Rätselkrimis verwurzelt, als er dann plötzlich die klassische Erzählung ganz anders präsentierte: von der Seite zwar nicht des Mörders, aber des Opfers:
Die wohlhabende Lina McLaidlaw verliebt sich in den charmanten, aber abgebrannten Johnnie Aysgarth, sie heiraten und Lina übersieht - will die nächsten zehn Jahre übersehen - dass ihr Gatte ein Gauner, Dieb, Ehebrecher und womöglich auch ein Mörder ist. Sie erlebt sogar, wie Johnnie sich mit einer befreundeten Krimi-Autorin über die tödliche Wirkung bestimmter Gifte unterhält -  und trinkt später das Glas, das Johnnie ihr reicht, leer und stirbt.
Nach heutigen Begriffen würden wir Johnny Aysgarth einen durchschnittlichten Soziopathen nennen:  egoistisch, selbstverliebt, unfähig zur Empathie - also der negative Held par excellence.
(Wem die Geschichte jetzt irgendwie bekannt vorkommt: Ja, der Roman wurde von Alfred Hitchcock als "Suspicion" (Verdacht) verfilmt, freilich mit einem anderen, positiven Schluss.)

Francis Iles ging mit seinen Experimenten sogar noch einen Schritt weiter - er schrieb Malice aforethought (Dt: Vorsätzlich). Gleich der erste Satz gibt die Richtung an: Dies ist ein ganz anderer Krimi:
"Erst mehrere Wochen, nachdem er sich entschlossen hatte, seine Frau zu ermorden, machte Dr. Bickleigh die ersten Schritte in dieser Richtung. Mord ist schließlich eine ernste Angelegenheit." - Francis Iles, Vorsätzlich (1931),

Das klingt heute wie der Anfang eines COLUMBO-Films - und nichts anderes ist ja auch das Prinzip der COLUMBO-Filme: Die Schilderung der möglichst ausgefeilten Tat mit dem folgenden intellektuellen Duell zwischen dem Täter und dem nur scheinbar trotteligen Trenchcoat-Inspektor. Die inverted story ist inzwischen zum festen Bestandteil des Genres geworden.

Zeitgleich mit den Versuchen von Francis Iles und seinen Zeitgenossen in Großbritannien macht das Böse zugleich auf der anderen Seite des Atlantiks einen weiteren Schritt ins Zentrum des Krimis. Und zwar in Person eines Kleinkriminellen, der es bis an die Spitze des organissierten Verbrechens schafft:
Rico Bandello, genannt "Little Ceasar" – der "kleine Cäsar" - legt in dem gleichnamigen Roman von W.R. Burnett (1929) eine typisch amerikanische selfmade-man-Karriere als Gangster hin, bis ihn am Ende die Polizeikugeln durchsieben. Eine Karriere genau wie Tony Camonte, genannt "Scarface" im Film vom 1932, der auf einem Roman von Armitage Tail basiert.

Diese Gangstergeschichten waren etwas ganz anderes als die eher akademischen  Mordgeschichten der britischen Landhausschule. Little Ceasar und Scarface bezogen ihre Vorlagen aus der Realität der roaring twenties in den USA  - die Geschichte von Scarface Tony Camonte ist mehr oder weniger frei der Karriere von Al Capone nachempfunden, jenes Großgangsters, der in den 20er und 30-Jahren die Unterwelt Chicagos kontrollierte und nach den Prinzipen modernen Managements organisierte (weshalb er am Ende konsequenterweise auch nicht wegen seiner Gewaltverbrechen verurteilt wurde, sondern wegen Steuerhinterziehung).

Mit der Gangster-Biographie kommt zugleich die action ins Genre (oder sie kommt zurück, denn die klassischen Vorläufer wie etwa "Die Geheimnisse von Paris" von Eugene Sue und andere Feuilletonromane waren ja bereits voller Aktion gewesen).
Zugleich verschränkte das Gangster-Bio-Pic den britischen Krimi mit dem amerikanischsten aller Genres: dem Western. Aus ihm übernimmt er die Figur des Helden, der bestehen muss - vor sich selbst und vor den anderen. In diesem Sinne sind diese "neuen Krimis" auch Entwicklungsromane, die den Weg ihres Helden zeigen. Diese Dynamik unterscheidet die amerikanischen Krimis deutlich von den statischen britischen Stories - es gibt bei Agatha Christie keine tiefgreifende Entwicklung ihrer beiden Figuren Miss Marple und Hercule Poirot, und lediglich Dorothy Sayers hat ihren Helden Lord Peter Wimsey mit ihrer Schilderung seiner Beziehung zu Harriet Vane so etwas wie "ein Leben" eingehaucht.

In der erneuten Verschränkung der "Inverted Story" mit der neuen Spielart des Entwicklungsromans betritt dann 25 Jahre später eine gänzlich neue Figur die Szene - "Der talentierte Mister Ripley" (1955) von Patricia Highsmith ist einer der ersten Mörder (im klassischen Sinn), die nicht gefasst und der Gerechtigkeit überantwortet werden - und die offenbar aus rein hedonistischen Motiven töten.
Wiederum ein negativer Held par excellence.
Dieser Tom Ripley ist ein "amoralischer hedonistischer Krimineller", heißt es, der gleich zu Anfang den etwas dümmlichen amerikanischen Millionär Dickie Greenleaf umbringt, um dessen Identität (und dessen Vermögen) zu übernehmen. Aber man kann die Geschichte auch anders, nämlich psychologisch lesen - als den verzweifelten Versuch des entwurzelten, latent homosexuellen Tom Ripley, eins mit seiner großen Liebe Dickie zu werden, indem er ganz und gar er wird.

Ein illegitimer Bruder dieses  Tom Ripley ist in gewisser Weise eine andere Ikone des Krimis (oder sagen wir: des Thrillers): James Bond - der Agent 007 Ihrer Majestät ist ein Hybrid. Als Repräsentant des Guten (eben "seiner Majestät") ist er ermächtigt (von eben dieser Majestät), zu töten, sich mithin außerhalb des kodifzierten Rechtssystems zu bewegen. Bond ist mit seiner Sex- und Spiel-Sucht (andere fügen noch Alkoholsucht hinzu) ebenso hedonistisch veranlagt wie Tom Ripley und wird moralisch nur ein klein wenig mehr vom Bösen seines Tuns berührt als Ripley. Bond ist ein Kind des Krieges, und zwar nicht nur das Kalten Krieges, sondern des gerade zu Ende gegangenen zweiten Weltkrieges: nicht zufällig war er als Commander des Royal Navy ein Soldat - und als solcher eingebunden in ein System von Befehl und Gehorsam, das eine Reflexion über die Richtigkeit des eigenen Tuns nicht unbedingt fordert.
Nach seinem Wechsel in den Geheimdienst Ihrer Majestät (der er ja schon als Soldat diente) hat sich diese Struktur nicht geändert: sein Vorgesetzter M ist sein Befehlshaber und auch der einzige, dem er Rechenschaft schuldig ist. Was für Bond aus der Innensicht vollkommen logisch und gerechtfertigt erscheint - als Soldat zu arbeiten und zu töten - erscheint aus er Außensicht freilich moralisch zumindest fragwürdig. Gerechtfertigt werden kann hier Bonds Arbeit nur durch ein "höheres Ziel", seinen Einsatz gegen das "Böse", wobei damit gemeint ist, dass das BÖSE noch böser ist als Bond - die Agneten von SMERSH etwa, oder seine übermächtig und übermäßig durchgeknallten Gegner wie Sir Hugo Drax oder Auric Goldfinger.
Das "Böse" an ihnen ist meist, das sie sich eben keinem höheren Ziel unterworfen haben, sondern eben nur dem übertriebenen Individualismus oder der reinen Geld- bzw Machtgier frönen.

Was James Bond im globalen Maßstab leistet, das besorgen die zahllosen amerikanischen Privatschnüffler im kleinen auf den Straßen von Chicago oder San Francisco, in Los Angeles und New York. Dabei sind aber Philip Marlowe und Sam Spade nicht wirklich böse. Sie mögen nur manchmal den Anschein erwekcne, werden von ihren Autoren – Raymond Chandler und Dashiell Hammett – aber als einsamer Ritter gezeichnet, der gegen das Verbrechen antritt.
Marlowe und Co operieren allein, nur schwach durch ihre Freunde bei der Polizei an die Ordnungsmacht angebunden - und sie machen sich auch nicht gemein mit ihrem Gegner, dem Mob und seinen Mobstern.


Mit Raymond Chandler und Dashiell Hammett, aber auch Mit Mickey Spillane und Peter Cheyney und all den anderen hardboiled ("hartgesottenen") Autoren befinden wir uns inzwischen – historisch gesehen in der Nachkriegszeit.
Der 2. Weltkrieg ist beendet, Deutschland hat kapituliert und wurde von den Alliierten in Besatzungszonen aufgeteilt. Wie sieht es also mit dem Krimi im Deutschland zu dieser Zeit aus…

In der Zeit davor – also der Nationalsozialismus – habe es keine Krimis gegeben – so wurde jedenfalls lange Zeit behauptet. Das ist aber nicht richtig – es hat vor 1945 in Deutschland durchaus Krimis und Kriminalromane gegeben, Landhausgeschichten und Agentenromane, Action-Abenteuer und psychologische Geschichten.
Kriminalromane gehörten ebenso zur Unterhaltungsliteratur der Weimarer Zeit wie der Liebes-Roman, der Gesellschaftsroman, der Abenteuerroman und der "Sitten-Roman" (vulgo: der softcore Porno). Sogar Zukunftsromane gab es.
Weil wir aber diesen Abschnitt hier nun keinesfalls vertiefen wollen, schließen wir ihn auch gleich ab - mit Verweis auf Buchreihen  wie den "Aufwärts-Kriminalroman", die "Bären-Bücher" und andere Krimi-Reihen, die in jener Zeit publiziert wurden, aber auch auf die zahlreichen Fortsetzungsromane, die in Tages-Zeitungen erschienen und eine große Leserschaft fanden - quasi als die daily soap des Vor-Fernseh-Zeitalters.
Das mit den Fortsetzungsromanen müssen wir uns jetzt einmal merken.
Wozu, das wird später klar werden.
Ein wunderbares Werk, das diese Literaturszene der Weimarer Zeit beschreibt ist:
Martin Keune : Groschenroman: Das aufregende Leben des Erfolgsschriftstellers Axel Rudolph 
Die Geschichte eines Bochumer Bergmanns, Hochstapler und Gelegenheitsgauners, der zu einem der erfolgreichsten Unterhaltungs-Schriftsteller der Weimarer Zeit wurde.

Also, wie fing das alles wieder an, nach dem Krieg?
Deutschland war in die Besatzungszonen aufgeteilt, von denen sich die "Alliierten" bald zusammenschlossen, während die russischen Besatzer Wert auf ihre eigen Zone legten. Aus ihr wurde später die DDR - mit einer ganz eigenen Sorte von Kriminalliteratur.

In der Tri-Zone - beziehungsweise TRI-ZONESIEN, wie es ein Karnevalsschlager jener Zeit formulierte - waren die Medien, also auch das Verlagswesen, der Kontrolle der Besatzungsmächte unterworfen.

Neu gegründete Zeitungen und Zeitschriften mussten sich lizenzieren lassen, beziehungsweise lizenziert werden. Genau wie Rundfunkanstalten - und Verlage - standen sie unter der Aufsicht der Kulturoffiziere der Besatzungsmächte. Einer von ihnen war etwa der Journalist Hugh Carleton-Greene - der in der britischen Zone den NWDR mit aufbaute – aus dem später der NDR und der WDR hervorgingen. Er war der Bruder britischen Autors Graham Greene, der unter anderem die Vorlage zu dem Nachkriegs-Filmklassiker "Der dritte Mann" schrieb.
Andere Kulturoffiziere, die maßgeblich an der "Re-Education" der Deutschen arbeiteten, hatte ähnliche berufliche Hintergründe - sei es als Journalisten, als Werbe- oder PR-Leute oder Verlagsangestellte. Sie sorgten in dieser Zeit - und später, als sie sich zum Teil in Deutschland niedergelassen hatten - für einen ständige Strom von Übersetzungen US-amerikanischer (Unterhaltungs-)Literatur - darunter nicht unwesentlich viele Kriminalromane.
Als Kulturoffiziere genehmigten sie die Veröffentlichung solcher US-Unterhaltungsware, später wurden nicht wenige von ihnen Literatur-Agenten und zogen hinter den Kulissen die Strippen um Autoren wie
Erle Stanley Gardner ("Perry Mason"),
Raymond Chandler,
Dashiell Hammett,
aber auch James Hadley Chase,
Peter Cheyney und
Mickey Spillane
auf den deutschen Markt zu bringen.

Und die deutsche Kriminalliteratur, wo fand die statt? Und woher kam sie? Krimi bezieht seine Geschichten in der Regel immer auf die aktuelle Zeit - und die hatte sich in Deutschland ja gerade radikal gewandelt und wandelte sich noch immer, so dass man nur die allerwenigsten Romane aus der Weimarer Zeit wiederveröffentlichen konnte. Abgesehen davon, dass die Schauplätze fast alle zerbombt waren und sich Polizei und Justiz erst wieder im Aufbau befanden, konnte man sich auch bei der (früheren) ideologischen Position des Autors nie ganz sicher sein.
Gut, es mussten also neue Krimis geschrieben werden. Weil Krimi stets populär ist, auf ein Massen-Publikum zielt, fand die deutsche Kriminalliteratur der Nachkriegszeit dementsprechend in den Massenmedien statt - will sagen: im Radio und in der Presse.

Wir bewegen uns jetzt so in der Mitte bis Ende der sechziger Jahre, also fast am Ende des Wiederaufbaus. Es gibt zwei deutsche Staaten, die Aussicht auf eine Wiedervereinigung ist absolut illusorisch.
Die Hochliteratur wird bestimmt von den Autoren der Gruppe 47, es sind Namen wie Heinrich Böll, Martin Walser, Günter Grass und andere. Eins ihrer Themen: die deutsche Vergangenheit.
Im Krimi sind es andere Namen, die die Szene beherrschen:
Rolf und Alexandra Becker,
Hugo Maria Kritz,
Michael Horbach,
auch Johannes Mario Simmel
und Heinz G. Konsalik
gehören dazu.
Und natürlich Marie Luise Fischer.
Sie schrieben entweder für den Hörfunk (wie R. und A. Becker, eines der großartigsten und erfolgreichsten Teams), oder sie arbeiteten für Illustrierte.
Illustrierte - das muss man hier vielleicht erklären, waren DAS Massen- und Unterhaltungsmedium der sechziger und siebziger Jahre. Sie sind kaum zu vergleichen mit den heutigen "Magazinen" oder "Klatschblättern" - eine Illustrierte war in der Regel zwar spezialisiert (auf Mode, Frauen oder das Fernsehprogramm), aber sie war als Familienunterhaltung ausgelegt, als "Musikdampfer", wie es der große Illustrierten-Chef und "Erfinder" des Stern  Henri Nannen einmal nannte.
Die Illustrierten mit ihren großen "Tatsachenserien" ("Deutschland deine Sternchen") und ihren "Fortsetzungsromanen" war DAS Forum für den Kriminalroman jener Jahre.
Es waren zum größten Teil journalistisch vorgebildete - und vorbelastete Autoren, die die erfolgreichsten Romane für Blätter wie KRISTALL, CONSTANZE, BUNTE (ja, die gab es damals schon), die HÖR ZU oder die REVUE verfassten.

Ein Fortsetzungsroman in einer Illustrierten war ähnlich "konzipiert" wie eine daily soap, er wurde groß inszeniert (mit großen Illustrationen), und nicht selten wurde er so "gestückelt", dass die Abonnenten darüber vergaßen, ihr Abo zu kündigen.
(Als "Vater" des modernen Fortsetzungsromane gilt Eduard Rhein, langjähriger Chef der HÖR ZU, der als erster auf die Idee kam, den Fortsetzungsroman eigens für das Blatt schreiben zu lassen, und das nicht notwendigerweise von einem Autor allein. Als "Hans Ulrich Horster" schrieb, bzw inszenierte er selbst einige der erfolgreichsten HÖR ZU-Romane – wie etwa "Suchkind 312")

Nur als Beispiel, wie die Fortsetzungsromane "inszeniert" wurden einige Kopien aus der BRAVO.
Nicht selten wurden die Romane dann noch als Taschenbücher nachgedruckt, andere Romane - besonders die des "späten" Heinz G. Konsalik entstanden bereits in einer Art Medienverbund zwischen Zeitschriftenredaktion und Buchverlag.
Dass diese Krimis im heutigen Bewusstsein gar nicht als Väter und Mütter unserer Gattung wahrgenommen werden, liegt daran, dass sie den "Krimi"-Aspekt in der Regel immer um einem "Drama"-Aspekt erweiterten. Heute würde man sagen, es waren "Liebes-Krimis" oder "Chick-Lit-Krimis" oder "Schicksals-Krimis" oder ähnliches. Überhaupt war der Begriff "Krimi" seinerzeit dem "britischen" Krimi vorbehalten, dem Landhaus- und Edgar Wallace-Krimi, auf den sich die "Mimi" aus dem Schlager so wunderbar reimte.

Statt "Krimi" nannte man es selbst gern "Zeit-Roman", weil dort Themen der Zeit aufgegriffen wurden. In diesem Zusammenhang waren die Geschichten und Stoffe sicher mitunter nicht weit vom heutigen Nachmittagsfernsehen entfernt. Und genau wie dort war die "Kriminalgeschichte" die Form, in der die aus der Aktualität der Zeit gegriffenen Stoffe erzählt wurden.
Beispiele sind  etwa das "Mischlingsmädchen Billie", ein Fortsetzungsroman aus der PRALINE 1971, in dem das Thema der "Mischlingskinder", will sagen: der Besatzungskinder in Deutschland thematisiert wurde. Ein anderer Autor - Michael Horbach - fasste das Thema ähnlich spekulativ an – mit seinem Roman  "Gottes zweite Garnitur."
Vergessen wir auch nicht, dass die großen Bucherfolge von J.M. Simmel – wie etwa ES MUSS NICHT IMMER KAVIAR SEIN - zuerst als Fortsetzungsgeschichte in der QUICK erschienen sind, bei der Simmel mitarbeitete.
Ein Beispiel für einen außerordentlichen "Sensationsroman" jener Zeit ist: DR LESIUS DER TEUFEL von "Michael Donrath" alias Michal HORBACH, ein großes Kolportageabenteuer das er für die BUNTE ILLUSTRIERTE

Die Autoren dieser Romane waren oft nach einer kurzen journalistischen Vorkriegskarriere dann "im Felde" gewesen und hatten nach Kriegsende wieder als Journalist zu arbeiten begonnen. Fast typisch, dass sich in den Bibliographien dieser Autoren immer mindestens ein Kriegsroman findet, in dem sie ihre Erfahrung verarbeitet haben (der bekannteste wurde später "Steiner - Das Eiserne Kreuz" von Will Berthold.)
Zu dieser Generation zählte auch Heinz G. Konsalik, der - wie man weiß – neben "Der Arzt von Stalingrad" noch andere Kriegsromane geschrieben hat, aber eben auch Krimis - bzw eher Thriller -  unter anderen als Fortsetzungsromane.

Weibliche Autoren: MARIE LUISE FISCHER  / ALEXANDRA CORDES etc

Der andere Bereich in dem Krimi sich in der Bundesrepublik entwickelte, war der Rundfunk - dort war Krimi freilich bis Ende der siebziger angelsächsisch geprägt - nicht nur, weil des Kriminalhörspiel der BBC - aus dessen Fundus man sich bediente - eine große und großartige Tradition hatte, sondern natürlich auch, weil die deutschen  Rundfunkanstalten unter britischer Lizenz und Leitung neu aufgebaut wurden.
Hier muss natürlich jetzt ein Name wie Francis Durbridge fallen, der vor seinen Fernseh-Straßenfeger im Rundfunk mit seinen mehrteiligen Serials (um den Kriminalschriftsteller Paul Temple) großen Erfolg hatte.
Und die deutsche Autoren?
Erst später stellte sich heraus, dass sich hinter "Malcolm F. Browne", der für den NWDR das Serial "Gestatten mein Name ist Cox" geschrieben hatte, eine eher komödiantisch angelegte Kriminalstory mit dem Untertitel "Ein Spaßvogel im Kampf gegen die Unterwelt",  - dass sich hinter diesem ur-britischem Autorennamen das deutsche Autorenpaar Rolf und Alexandra Becker verbarg, die mit ihrem "Cox" einen Riesen-Erfolg haben sollten - der bis hin zu einer Fernsehserie und einem Kinofilm reichte.

(Die Legende geht wenigstens so, das Rolf Becker sich den Namen eines britischen Onkels borgte, um sein erstes Cox-Manuskript beim NWDR an den Mann zu bringen.)

Wenn man sieht, dass etwa die Frankfurter Autorin Lieselotte Appel ihre Kriminalromane unter dem englisch klingenden Namen "L.A. Fortride" veröffentlichte, ist man fast geneigt, der Geschichte zu glauben. Wobei bei Lieselotte Appel alias L.A. Fortride durch das Pseudonym auch noch vorborgen wurde, das es sich um eine Frau handelte. Denn – so die gängige Meinung in den sechzigern: Deutsche konnten keine Krimis, und deutsche Frauen schon gar nicht.
Hier passt auch gut die Geschichte von Irene Rodrian hinein, die sich mit zwei Manuskripten beim Wettbewerb um den Edgar Wallace Preis beteiligte und mit dem einen gewann – "Tod auf St Pauli" - aber man ihr nur die Hälfte des Preisgeldes zahlen wollte, weil sie eben eine Frau war. Das andere Manuskript, das sie eingereicht hatte, wurde abgelehnt, weil es hieß: "Das ist so gut, das kann keine Frau geschrieben haben."

Wie sind jetzt schon heftig in den siebziger, und des gibt  den sogenannten "neuen deutschen Krimi" - der jetzt auch neben den Illustrierten-Romanen als Buchveröffentlichung zu existieren beginnt. Als Bücher waren bis dahin in der Regel Krimis unter eben dieser Bezeichnung als Taschenbücher und das auch noch in einheitlich aufgemachten "Reihen" erschienen.
Das hieß: drei Goldmann Krimis pro Monat, drei gelbe Ullstein-Krimis pro Monat und zwei oder drei Heyne-Krimis. Dazu die Serie der "Mitternachtsbücher" aus dem Desch-Verlag und natürlich - seit Ende der sechziger, die rororo-thriller. Schwarzes Cover, anfangs noch auf gelbes Papier gedruckt, herausgegeben von einem Lektor, der sich anders als seine Kollegen bei Ullstein und Goldmann nicht als Traditionalist verstand, sondern als Innovator: Richard K. Flesch.

Er sorgte für den ersten Schwedenkrimi-Boom in Deutschland, indem er die stilbildenden zehn Martin Beck-Romane von Maj Sjöwall und Per Wahlöö übersetzen ließ. Durch ihren realistsichen und sozialkritsichen Ansatz kam eine Generation deutscher Autoren zu Wort, die ausdrücklich von Flesch gefordert und gefördert wurden:
Die Schwarze Bande von Rowohlt, bestehend aus
-Horst Bosetzy,
-Micheal Molsner,
-Irene Rodrian,
-Hansjörg Martin,
-Friedhelm Werremeier und teilweise
-Thomas Andresen.
Einesteils waren auch diese Autoren journalistisch vorbelastet - sie stammten aus der Generation, die den oben beschriebenen Stars wie Will Berthold, Rolf Palm oder Michael Horbach folgte.
Mike Molsner - Journalist,
Friedhelm Werremeier ebenfalls Journalist  -  eine Mischung aus Gisela Friedrichsen und Peter Scholl-Latour für den Bereich Kriminalitäts- und Gerichtsberichterstattung.
Andere hatten - wie Hansjörg Martin oder Irene Rodrian - mal Kontakt zur Werbung, zum Zirkus oder zum Theater und zum Fernsehen gehabt, waren also "Unterhaltungsprofis".

Und als Solitär unter ihnen Horst Bosetzky (alias -ky) - ein Soziologie-Professor aus Berlin -  der wegen seines Berufs ganz klar für die Begriffsprägung "Soziokrimi" verantwortlich ist, die später fast zum Schimpfwort für eine bestimmte Gattung politisch ambitionierter, aber erzählerisch unterirdischer Kriminalromane wurde.
Hansjörg Martin war eher der Gentleman in der Schwarzen Bande, der Vertreter des zeitgemäßen Unterhaltungsschriftstellers in der Runde. Seine Romane BEI WESTWIND HÖRT MAN KEINEN SCHUSS und EINER FEHLT BEIM KURKONZERT erzielten neben der Buchveröffentlichung als rororo-thriller ihren Durchbruch beim Publikum als - genau: Fortsetzungsroman, (im Stern)

Im STERN und anderen Zeitschriften - der BUNTEN, der HÖR ZU, oder QUICK schrieb damals auch einer, der zwar nicht zur Schwarzen Bande gehörte, aber ebenfalls zu den prägenden Autoren des deutschen Nachkriegskrimis zählt: ein gewisser Michael Preute, geboren in Duisburg. Gelernter Journalist (Tagdszeitung, Illustrierte, dann Korrespondent und Krisen-Reporter). Preute schrieb Fortsetzungsromane im "Zeitroman"-Stil, aber auch Sachbücher wie etwa "MORD SCHMITT" über einen Kriminalisten seiner Zeit und "ernsthafte" Kriminalromane wie MAGNETFELD DES BÖSEN.

Zu seinem großen Erfolg kam Michael Preute freilich erst Jahre später, als er aus dem Reporterjob ausgestiegen war, sich selbst trockengelegt hatte und sich in einem Eifelörtchen namens Berndorf niederließ, nach dem er sich fortan benannte: Jacques Berndorf. Er schrieb seine ersten Siggi Baumeister-Krimis, die noch bei Bastei-Lübbe erschienen, und in denen Siggi Baumeister noch ein fitter, fixer Politjournalist in Bonn ist und kein grauhaariger Teilzeitdetektiv in der Eifel.
Ein anderer Journalist dieser Zeit kämpfte auch gegen die Droge - nicht Alkohol, sondern Heroin - und bereicherte den deutschen Krimi um einige seiner besten Werke: Jörg Fauser (Jahrgang 1944), eigentlich Literat mit journalistischer Ader, schrieb nach diversen Drogenbüchern seine Krimis DER SCHNEEMANN, ROHSTOFF und SCHLANGENMAUL, die nur allzu gern wegen ihrer absoluten "unpolitischen", also "individualistischen" Haltung gegen den Sozio-Krimi ausgespielt wurden.

Die Romane des Sozio-Krimis werden oft als Ausdruck der Studentenrevolte, als Teil des außerparlamentarischen Aufbegehrens ihrer Zeit gesehen, aus dem sich dann auch der politische Terrorismus der RAF entwickelte. Im Sinne von "Zeitromanen" mag das wohl stimmen - dass es Romane waren, die ihre Stoffe aus ihrer Zeit bezogen (ähnlich wie das "Mischlingsmädchen Billie" in den sechzigern)
Zeitgemäß, beziehungsweise Zeitbezogen waren - nach dem Sozio-Krimi - dann auf einmal die Frauenkrimis - auch sie als Reflex auf den um sich greifenden Feminismus und die Emanzipationsdebatte.

Genauer gesagt war der Feminismus bzw. die Gleichberechtigung der Frau inzwischen auch im Krimi angekommen eben weil der Krimi eben realistisch ist und die Zeit abbildet.
Nicht,  dass es vorher keine krimischreibenden Frauen gegeben hätte, das haben wir ja schon gesehen. Auch in den Siebzigern tummelten sich schon mehr als Marie Luise Fischer und Alexandra Cordes: Fanny Morweiser mit ihren subtilen und subversiven Spannungsromanen (Suspense), Lydia Tews ganz traditionell mit Kommissarin, Helga Riedel mit Psychothrillern. Doch in den Achtzigern wurden die Frauen schlagartig mehr. Das liegt einerseits daran, daß aus den USA die taffen Privatdetektivinnen zu uns kamen und neue Vorbilder für Frauenfiguren lieferten, andererseits auch an der vermehrten Präsenz des Krimis überhaupt. Frauen begannen, von ihren Lebenswelten zu erzählen, und als die ersten gedruckt waren, dachten sich die Leserinnen: Das kann ich auch ... Mitte der Achtziger haben wir Doris Gercke mit ihrer Bella Block, die ihren Polizeidienst schnell hinwirft und privat weiter ermittelt, Christine Grän mit der Journalistin Anna Marx.
Zu nenen ist ganz besonders Pieke Biermann mit ihrer unkonventionellen Kommissarin Karin Lietze – und  die Dortmunderin Sabine Deitmer mit ihren Storys von Frauen, die erlittene Ungerechtigkeit aktiv beheben ("Bye-bye Bruno").
Es gab auch die Bochumerin Corinna Kawaters mit einer Krimiparodie, in der nur Frauen auftraten. Anfang der 1990er vervielfachen sich die Reihen der Autorinnen: Thea Dorn, Uta-Maria Heim und aus Österreich Edith Kneifl, Regula Venske, Ingrid Noll, Susanne Mischke, Gabriele Wolff, Petra Hammesfahr und als erste deutschsprachige lesbische Autorin Kim Engels. Danach boomt der Frauenkrimi derart, dass in einer Umkehrung der Geschichte plötzlich männliche Autoren anfingen, unter weiblichen Pseudonymen zu schreiben - Robert Brack als Virginia Doyle - , weil sie sich davon mehr Umsatz erhofften.

Auch in der DDR startete der Krimi Ende der 1940er als Zeitschriften-Fortsetzungsroman und als Heftroman, etwa die Reihe „Blaulicht“ (nach der TV-Serie). Auch hier waren zuerst Autoren tätig, die bereits vor 1945 veröffentlicht hatten. Natürlich mußte ideologisch vorgegangen werden, denn im Sozialismus durfte es ja eigentlich kein Verbrechen geben - und so waren denn auch die meisten Verbrecher aus dem Westen oder ideologisch nicht eingestimmt, und auf die ostdeutsche Polizei fiel natürlich keinerlei Schatten.

ENDE

6.3.14

Ruhr-Nachrichten 2.1.1982
Widerworte aus der Küche - Portrait Otti Pfeiffer


Widerworte aus der Küche

Ihre "Widerworte aus der Küche' sind keine Emanzipationsliteratur: Im Mittelpunkt der Kinder- und Jugendbücher von Otti Pfeiffer stehen Heranwachsende, die sich langsam von ihren Eltern lösen, um ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln.
Von Reinhard Jahn

Zu den professionellen Selbstdarstellern der Literaturszene und den mediengerechten Autorenpersönlichkeiten gehört sie sicherlich nicht. Dazu ist Otti Pfeiffer aus Herdecke viel zu sehr Hausfrau und Mutter geblieben, die nur "nebenbei" schreibt, dafür aber in ihren Aussagen und der Intensität ihrer Arbeit ebensoviel leistet wie jeder hauptberufliche Schriftsteller.

"Ich habe viele, viele Jahre gelebt, ohne eine einzige Zeile zu schreiben", sagt sie. "Ich habe einen Beruf gelernt, geheiratet, drei Kinder bekommen und bin dann wieder in den Beruf gegangen. Mit 40 habe ich erst angefangen zu schreiben, das ist ganz plötzlich aus mir herausgekommen." Trotzdem ist der Titel ihrer ersten Veröffentlichung aus dem Jahre 1972 -  "Widerworte aus der Küche" - nicht programmatisch zu verstehen, denn mit Emanzipationsliteratur oder schicken Frauenbekenntnissen haben ihre Texte nicht viel zu tun. Es sind vielmehr einfache und schlichte Bilder,' in denen deutlich wird, in welche Widersprüche wir verwickelt sind, wie machtlos wir vor den durchkonstruierten Machtmitteln stehen, wie unvollkommen zwischen allem Perfekten.

Ohnmacht
entmachtet nicht
das Mächtige
Ohnmacht
ist Bewusstlosigkeit
Bewusstlos
sind wir immerhin
glücklich

Mit den "Widerworten" wurde aus Ottilie Pfeiffer, der Hausfrau und Mutter die Autorin Otti Pfeiffer, die inzwischen mit ihren Kinder- und Jugendbüchern bekannter geworden ist, als mit ihren lyrischen Arbeiten oder ihren Erzählungen.
Egal, ob sie nun verspielt und träumerisch die Geschichte von "Großen Olaf und den kleinen Knüpsen" oder realistische Geschichten aus der Welt der Jugendlichen erzählt wie beispielsweise in "Zeit, die durch die Sanduhr läuft" - wichtig ist für sie immer nur die Geschichte, die es zu erzählen gilt. Es sind Geschichten von Kindern und Heranwachsenden, die mit übergroßen, scheinbar erdrückenden Gefühlen zurechtkommen müssen, die ihre Beziehungen zu ihren Eltern und ihrer Umwelt neu. begreifen und sich dadurch zu eigenen Persönlichkeiten entwickeln.
"Ich lege sehr viel Wert auf Gefühle und das Gestimmtsein von Personen", sagt sie. Was aber nicht heißen soll, dass sie "gefühlvoll" schreibt. Vielmehr: "Es ist wichtig, Gefühle) festzuhalten. Ich denke an das, was Kinder möglicherweise in einer bestimmten Situation empfinden."
Denn die Gefühle der Kinder unterscheiden sich gar nicht so sehr von denen der Erwachsenen. "Nur als Erwachsener weiß ich, wie man damit umgehen kann. Wenn man Angst hat, dann kann man bei jemandem Schutz suchen - aber ein Kind kann von dieser Angst erdrückt werden." Die Geschichten, die Otti Pfeiffer erzählt, bestechen durch ihre Einfachheit und durch die Genauigkeit, il mit der sie die Gedanken und Gefühle ihrer jugendlichen Helden erfasst.
"Ich kann nicht sagen, ob ein Junge oder ein Mädchen so ist, wie ich es darstelle", erklärt sie, "Ich würde eher sagen, dass ich mich selbst so verhalten hätte, wenn ich in eine solche Situation geraten wäre." Und Reaktionen der zahlreichen Kinder, die bei Lesungen oder Diskussionen immer wieder sagen "Ja, so war es!" und "Woher haben Sie das gewusst?" fragen, geben ihr recht: die Gefühle der Erwachsenen unterscheiden gar nicht so sehr von denen der Kinder. .
Otti Pfeiffers Jugendromane sind aber immer auch Beschreibungen einer Loslösung vom Elternhaus. Da gibt es in "Zeit, die durch die Sanduhr läuft" die fünfzehnjährige Melanie, die plötzlich erkennt,  dass es besser ist, sich ein wenig von ihren Eltern zu lösen. Sie entdeckt, dass sie an der Schwelle des Erwachsenenseins steht und ihren eigenen Weg gehen muss.
"Das muss sein, dass man sich aus solchen Beziehungen löst", sagt Otti Pfeiffer zu diesem Thema der persönlichen, individuellen Emanzipation ihrer Figuren. "Es ist die Vorstellung, dass man ein ganz eigener Mensch ist und sein eigenes Lehen führen muss. Wenn zum Beispiel eine Mutter-Tochter-Beziehung nicht irgendwann einmal gelöst wird, ist es unmöglich eine neue, gleichberechtigte Beziehung miteinander aufzubauen." Und das ist dann ein größerer Verlust als der kurze Schmerz bei der Trennung des Kindes von der Mutter.

Schau nicht zugleich
mit mir
in den Spiegel, Mutter
In deinen Augen
so war ich.
Ich denke:
So werde ich sein.
Komm, wir verhängen
die Spiegel,
wir kennen uns doch

 Beim Schreiben selbst allerdings steht dieses Thema niemals plakativ im Vordergrund, viel wichtiger ist ihr die spannende oder interessante Handlung, die sie erzählen möchte.
Denn konfektionierte Sozialkritik und glatte Ideologien sind ohnehin nicht ihre Sache, nicht umsonst bevorzugt sie Erzählungen in der Ich-Form, die sich nur mit den Problemen und Gefühlen einer einzigen Person beschäftigen.

Ein bisschen Erinnerung an die eigene Kindheit ist sicherlich auch stets dabei, wenn sich Otti Pfeiffer vormittags ("Da bin ich allein und kann am besten arbeiten!") an die Maschine setzt, um zu schreiben. Aber auch die Anregungen, die sie durch ihre mittlerweile fast erwachsenen Kinder bekommt, die Probleme des Schulalltages und des Familienlebens greift sie auf, entwickelt eine Erzählung daraus, beschäftigt sich mit ihnen, versucht sie zu verstehen und ihnen auf den Grund zu gehen.
Was ihre Mutter geschrieben, erfahren die Söhne Michael (19 und Ingo (17) und Tochter Suse (13) zumeist allerdings erst, wenn das Buch gedruckt worden ist. Dann weiß Otti Pfeiffer wenigstens, dass es dem Lektor und dem Verleger gefallen hat. Und: "Häusliche Kritik habe ich sowieso nicht so gern!"
Reinhard Jahn

Kasten Zur Person
Otti Pfeiffer, geboren 1931 in Wesel. Sie besuchte die Volksschule, die Realschule, anschließend das Abendgymnasium. Ausbildung zur Diplom-Bibliothekarin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern Michael (19), Ingo (17) und Suse (13) in Herdecke, ist Hausfrau und Mutter und arbeitet als Teilzeitkraft in der Stadtbücherei Dortmund-Hombruch.
Nachdem sie als 20jährige für kurze Zeit einmal Gerichtsreporterin für eine Lokalzeitung gearbeitet hatte, begann sie erst mit 40 Jahren wieder zu schreiben und zu veröffentlichen. Arbeitsgebiete sind neben kurzen Prosatexten und Lyrik besonders Kinder- und Jugendbücher, Erzählungen und Texte zu Bilderbüchern.
Bücher:
-Widerworte aus der Küche, Kurzprosa, Wulff-Verlag 1972
-Machen wir mal einen Sandsturm, Kinderbuch, Schneider-Verlag, 1976
-Träume stehen auf dem Stundenplan, Jugendbuch, Schneider-Verlag, 1978
-So klein mit Hut, Kinderbuch, Schaffstein-Verlag, 1978
-Zeit, die durch die Sanduhr läuft, Jugendbuch,. Schaffstein-Verlag, 1979
-Der große Olaf und die kleinen Knüpse, Kinderbuch, Dressler-Verlag,1980

Reinhard Jahn: Widerworte aus der Küche – Portrait Otti Pfeiffer
Ruhr-Nachrichten (Dortmund), 2.1.1982 (Wochenend-Ausgabe)





1.3.14

Douglas Preston, Lincoln Child
Attack – Unsichtbarer Feind


Roaring Fork in Colorado – ein schickes Wintersportresort, mit einer Kleinstadt, an deren Mainstreet sich eine Edelboutique an die andere reiht. Hier soll ein Wohngebiet erweitert werden – The Heights genannt. Dass dazu ein alter Friedhof verlegt werden muss, ist eigentlich eine Kleinigkeit.

Für Corrie Swanson, Studentin der Forensik, sind die exhumierten Toten des Friedhofes die Chance, eine brillante Semesterarbeit zu schreiben, mit der sie ihren Mentor, Special Agent Aloysius Pendergast vom FBI zufriedenstellen kann. Denn einige der hier vor über hundert Jahren bestatteten Toten sollen Opfer eines bösartigen Grizzlys geworden sein, als Roaring Fork das Zentrum eines Silberbooms war. (Thema ihrer Arbeit sind postmortale Bissspuren an Knochen).

Doch dann wird sie nach ihren ersten Recherchen verhaftet – und Agent Pendergast muss kommen, um sie vor eine Anklage zu retten. Ihm kann sie auch anvertrauen, was sie an den Knochen entdeckt hat: dass der Tote nicht etwa von einem Bären zerfleischt wurde – sondern von Menschen, die ihn "kannibalisiert" haben.

Kaum ist Agent Pendergast vor Ort, wird bei einem grausamen Verbrechen eine ganze Familie in einem der noblen Häuser ausgelöscht. Grund genug für Pendergast, den Vorfällen auf den Grund zu gehen und in Roaring Forks dunkler Geschichte zu stöbern.
Bei der Lösung des Falles spielt dann schließlich eine "bislang unbekannte Sherlock Holmes-Geschichte" eine Rolle, auf die Pendergast bei seinen Ermittlungen stößt. Denn schon Arthur Conan Doyle hatte sich seinerzeit mit dem "Mörder-Bären" von Roaring Fork befasst.

Spannung, Abenteuer, unvorhergesehene Wendungen: Die Story hat Tempo, die Figuren sind sympathisch. Lesefutter mit Suchtpotential.
Reinhard Jahn WR5 Mordsberatung (Februar 2014)
Douglas Preston, Lincoln Child
Attack – Unsichtbarer Feind
Droemer