24.2.14

Einblick, Heft 5/1997
Großstadtchronisten - Die Kriminalromane von H.P. Karr und Walter Wehner


Großstadtchronisten
Die Kriminalromane von H.P. Karr und Walter Wehner
Von Ulrich Noller

Der Bahnhofsvorplatz einer Großstadt im Ruhrgebiet. Hinter der Würstchenbude verdienen Hütchenspieler ihr tägliches Brot. Bei den Abfallcontainern kippen Arbeitslose Hansa-Pils, direkt dahinter beginnt der Drogenstrich.
Straßenkinder, Schnorrer, Obdachlose - keine besonders freundliche Gegend. Und gerade deswegen ist Gonzo Gonschorek mit seiner Videokamera hier genau an der richtigen Stelle: Gonzo ist freier Kameramann, ein sogenannter Videogeier.

Die gemeinsame Arbeit der Schriftsteller H.P. Karr und Walter Wehner ist eine Erfolgsgeschichte mit schleppendem Anfang. 1986 lernten sich die bei den bei einem Literaturwettbewerb kennen. Spontan beschlossen sie, sich in Teamwork zu versuchen - und blieben bis heute aneinander kleben. Sie schrieben Hörspiele, die gesendet wurden, und Kurzgeschichten, die gedruckt wurden - aber der Durchbruch zur großen Erzählung ließ auf sich warten.  Zwei Romane blieben im Versuchsstadium stecken: jahrelang fahndeten die Autoren nach dem Konzept, das zunächst ein· mal sie selbst, aber auch Verlage und Leser überzeugen könnte. Dann trat Gonzo Gonschorek in ihr Leben.

Mit dem Kombi fährt er durch die Stadt und hört den Polizeifunk ab. Wenn ein Brand, ein Unfall, ein Verbrechen gemeldet wird, ist er schnell zur Stelle, um die Regionalfenster von Fernsehsendern mit blutigen Bildern zu versorgen. Gonzos journalistisches Ethos, so H.P. Karr, sei bestenfalls mittelprächtig. "Das Leben schreibt nicht die besten Geschichten und manchmal muss man ein bisschen nachhelfen. Solange es der Sache dient. Das entscheidet er dann von Fall zu Fall."
Mit seinem Job ist Gonschorek zufrieden, zumindest dann, wenn er gerade einmal genug verdient. Ist das nicht der Fa]]. verdingt er sich auch stunden- und tageweise. "Das geht bis hin zur Billig-Porno-Produktion im Sommerloch", sagt Walter Wehner. Gonschorek ist nicht gerade das Paradebeispiel eines vorbildhaften Freiberuflers, und privat ist er nicht weniger Ekel als im Beruf. Freundschaften pflegt er nur dann, wenn sie gelegentlich einen Tipp einbringen. Beziehungen übersteht er allerhöchstens bis zur Zigarette danach. Und Freundlichkeit ist ihm dermaßen fremd, dass man sich wundert, wie es überhaupt jemand länger als nötig bei ihm aushalten kann.
"Er ist nicht unbedingt der Typ, mit dem man sechs Wochen Urlaub in Kanada machen würde", kommentiert Walter Wehner.

Unter Videogeiern

Wer die Idee hatte, einen Videogeier als Krimihelden zu wählen, wissen die Autoren heute nicht mehr. Sie sehen Gonzo als Gemeinschaftsprodukt. Wehner: "Wir wollten keinen Detektiv oder Journalisten, aber trotzdem eine Figur, die überall sein kann, ohne dass man das begründen muss." Das Wagnis, von einem unfreundlichen Negativhelden mit menschlichen Schwächen zu erzählen, nahmen sie bewusst in Kauf. "Das ist gerade das Interessante", meint H.P. Karr. "Irgendein Muster nachzuschreiben, das es bereits gibt, ist bei weitem nicht so spannend wie das Abseitige und Neue." .
Der erste Gonzo-Roman erschien 1994, und jetzt, nach acht Jahren, kam die' Karriere des Krimiduos erst richtig in Gang. Für "Geierfrühling" ernteten sie hervorragende Kritiken und "Rattensommer", der Nachfolgeband gewann 1996 den wichtigsten Preis deutschsprachiger Krimischriftstel1er, den "Glauser".
Das Risiko, das die beiden mit Gonzo Gonschorek eingegangen waren, hatte sich ausgezahlt. Angesichts solcher Erfolge konnten Karr & Wehner bei ihrem neuestem Revierabenteuer "Hühnerherbst" um so entspannter zu Werke gehen. Skurrilen One-Night-Stands, allzu dollen Schlägereien und den fiesen Gesellen von der Russenmafia geht Gonzo Gonschorek diesmal aus dem Weg. Er ist Mitte 40; Wodka. Tiefkühlpizzas und durchzechte Nächte fordern ihren Tribut. Sentimentalität wäre zu viel gesagt, aber vielleicht braucht er ein wenig Zeit, um über sich nachzudenken. Und wenn er die Chefin vom Kaufhaus-Sicherheitsdienst trifft - ist da nicht ein kleines Flirren in der Luft? Sollte der lonesome rider auf seine alten Tage etwa doch noch beziehungsfähig werden?

H.P. Karr, der eigentlich Reinhard Jahn heißt, hat früher als Journalist, Ghostwriter und Ratekrimitexter gearbeitet; Walter Wehner ist promovierter Germanist, als Studienleiter bei der VHS Essen angestellt und eigentlich Lyriker. Zwei freundliche Männer um die 40, deren sarkastische Gelassenheit nur eines stören kann -  wenn man ihre Romane als "Regionalkrimis" bezeichnet. Zu oft wurden solche Bezeichnungen abwertend benutzt.
"Für regionale Literatur, die auch nur regionale Bedeutung hat. Gut gemeint, aber letztendlich Heimatliteratur."
Karr & Wehner sehen sich dagegen als Chronisten modernen Großstadtlebens. Gonzo Gonschorek als klassischen urbanen Workoholic. Dass ihre Großstadtgeschichten, im Ruhrgebiet angesiedelt sind, habe nur einen Grund: "Wir schreiben über das Revier, weil wir uns hier auskennen. Wir wollen sehen, was in diesem Ballungsraum zwischen Duisburg und Dortmund passiert."
"Sehen", das ist in diesem Fall wörtlich zu nehmen. Die tägliche Recherche besteht für das Autorenduo darin, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Wehner: "So findet man die Geschichten, die eine ganze Region kennzeichnen."
Erst wenn sie die Story fest  umrissen im Kopf haben, beginnt auch das konkrete Nachfragen. "Einmal wollten wir etwas über Bunker herausfinden. Also habe ich den entsprechenden Kollegen in der Stadtverwaltung besucht. Der legte die Akte auf den Tisch - und musste plötzlich zur Toilette. Zufällig dauerte das an diesem Tag etwas länger - und hinterher wussten wir, was wir über Bunker wissen wollten. Außerdem gibt es Bekannte bei der Polizei und den Fernsehsendern, die bestätigen, dass man etwas richtig gemacht hat·- oder nicht. Und manchmal ist man ziemlich überrascht - man hat etwas erfunden, das es schon gibt. Etwa diese Pommesbude im Stadthafen. Als wir vor Ort nachrecherchiert haben, stand da genau die Pommesbude, die wir erdacht hatten. Im nachhinein ist das natürlich klar: Stadthafen, Arbeiter, Pommesbude. Insofern erfindet man gar nicht so viel, sondern beschreibt, was sein könnte."

Stadthafen, Arbeiter, Pommesbude.

Karr & Wehner sind ein eingespieltes Team, eine festgelegte Aufgabenteilung gibt es nicht. Sie treffen sich einmal pro Woche, gehen spazieren und später zum Essen. "Wir schreiben nie etwas auf. Wir reden nur. Wenn wir eine Idee nach einer Woche nicht vergessen haben - dann ist an der Story was dran." Einer von bei den beginnt mit dem Schreiben, anschließend wandert der Text so lange hin und her, bis die Schlussredaktion fällig ist. "Das ist einer der Gründe für unsere Teamarbeit: Man hält sich nicht nur die Stange, sondern lektoriert sich gegenseitig", so Walter Wehner.
"Das verkürzt den Schreibprozess gewaltig", fügt H.P. Karr hinzu. "Und das zu kürzen, was der andere geschrieben hat, fällt natürlich viel leichter."
Zu Meinungsverschiedenheiten kommt es dabei nur selten. "Es gibt schon mal ein Nachfragen, aber darauf folgt meistens eine Begründung, die auf Stoff und Handlung fußt." Außerdem gäbe es ja während des Schreibens sowieso nur noch Kleinigkeiten zu besprechen, meint Walter Wehner. "Wir haben ja den großen Plan der Erzählung schon vorher."
Neun Monate dauert es insgesamt, bis auf diese Art und Weise ein Roman entstanden ist.
Karr: "Wir brauchen ein halbes Jahr zum Vorbereiten und drei Monate zum Schreiben."
Wehner: "Wenn wir nicht mehr wissen, in der wievielten Korrektur wir gerade sind, ist das ein Zeichen, dass es langsam hinhaut."
Karr: "Wenn das Chaos einsetzt... "
Wehner: "…dann wissen wir, es hat geklappt."
Karr: "Und richtig fertig ist ein Roman, wenn mir die aktuelle Datei im Computer abstürzt, nachdem ich gerade 20 Seiten korrigiert habe. Das war bis jetzt immer so."



Ulrich Noller:
Großstadtchronisten - Die Kriminalromane von H.P. Karr und Walter Wehner
In: Einblick, Köln Heft 5/1997 (Mai)

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.
 


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19.2.14

Factsheet
Die telefonische Mord(s)beratung :
Krimis von Fachleuten: Ein Fall für die Experten


Factsheet
Krimis von Fachleuten: Ein Fall für die Experten

Ihr Krimi-Kompetenzteam löst den Fall auf jeden Fall:
 Reinhard Jahn, Thomas Hackenberg, Ingrid Müller-Münch und Ulrich Noller
Foto: WDR, mit freundlicher Genehmigung
















Wissenschaftlich fundierte Geschichten, als Stoff für Thriller oder Krimis. Zum  kleinen, spannenden zweiten Bildungsweg können Krimis werden, wenn Autoren uns an den Inhalten ihres ersten Berufs teilhaben lassen.

Das amerikanische Duo Douglas Preston und Lincoln Child zum Beispiel garantiert mit seinen Fällen für Special Agent Pendergast  immer extreme Spannung – mit w die sie aus ihren Ausbildungen als Biologe, Anthropologe und Chemiker beziehen. Im Großbritannien ist der studierte Historiker Robert Harris ein Garant für brillante zeitgeschichtliche Thriller. Und der Ex-Elitesoldat Andy McNab gibt in seinen Romanen Einblicke in den blutigen Kampf gegen den Terror. Ärzte, Anwälte, Polizisten oder Wissenschaftler - die Krimiexperten Ulrich Noller (Krimizeit Bestenliste), Reinhard Jahn (Bochumer Krimiarchiv) und die Journalistin Ingrid Müller-Münch haben ermittelt, welche Fachleute besonders anfällig für Krimis sind – und wer von ihnen die besten internationalen Thriller schreibt. Darüber hinaus gibt das Krimi-Kompetenzteam natürlich wieder Tipps, welche aktuellen Bücher man lesen sollte - und welche man sich sparen kann.
Moderation: Thomas Hackenberg

Live aus dem WDR Funkhaus Köln.
Der Eintritt ist frei. Anmeldungen unter mordsberatung@wdr.de
oder bei der WDR 5 Hotline 0221- 56789 555
Redaktion Petra Brandl-Kirsch

Zur Sendung hier


Preston und Child
Douglas Preston (*1956) studierte Mathematik, Biologie, Physik, Anthropologie, Chemie, Geologie und Astronomie, bevor er zu englischer Literatur wechselte und darin graduierte. Er war von 1978 bis 1985 für das American Museum of Natural History in New York.
Dort lernte er während einer Führung Lincoln Child kennen, mit dem er zahlreiche erfolgreiche Thriller verfasste. ("Das Relikt", 1995 etc)
Lincoln Child (*1957) studierte englische Literatur und arbeitete als Lektor – er ist wohl der "literarische" Teil des Autorenteams.
Ihr erfolgreichster Serien Held ist Special Agent Aloysius Pendergast
Aloysius Xingú Leng Pendergast ist Special Agent beim FBI Büro in New Orleans. Er hat sehr blondes, fast weißes Haar, eine recht blasse Gesichtsfarbe und blassblaue Augen. Pendergast stammt aus einer reichen Familie, er ist hochintelligent und legt Wert auf gutes Benehmen. Seine Kleidung ist stets vom feinsten. Zur Fortbewegung nutzt Pendergast am liebsten seinen 1959er Rolls-Royce Silver Wraith, welcher von seinem Chauffeur und Butler Proctor gefahren wird.
Kurz gesagt: Pendergast ist eine Mischung aus Sherlock Holmes und Jerry Cotton, ein Held, wie man ihn für Abenteuerbücher braucht, wie die von Preston und Child.
2013 Attack - Unsichtbarer Feind,

Andy McNab
War Soldat der britischen Sondereinheit SAS und Spezialist in der Terrorismusbekämpfung, Sabotage, Observation und "Informationsgewinnung in feindlicher Umgebung".
Er nahm 1991 am zweiten Golfkrieg teil, schrieb ein Sachbuch („Bravo Two Zero“) darüber und schließlich eine Reihe von Polit- und Militärthrillern, die allgemein wegen der sachkundigen Darstellung militärischer und geheimdienstlicher Operationen gelobt wurden. Sein Serienheld ist der Ex-SAS-Mann Nick Stone.

Was ist das besondere an Krimis von Experten?

Man kann davon ausgehen dass sie ihre Geschichten in dem Milieu ansiedeln, das sie kennen – sei es eine Universität, eine Anwaltskanzlei oder ein Krankenhaus – und dass die geschilderten Um- und Zustände, die sie beschreiben, auch stimmen. Man erwartet hohe Detaildichte und große Glaubwürdigkeit was Milieu und Geschichte angeht.

Warum schreiben "Experten" Kriminalromane?

Weil sie's können! Jeder, der schreibt, schreibt gern über Themen und Dinge, die ihn interessieren und bei denn er sich auskennt. Deshalb wählen Experten oft ihr berufliches Umfeld (im weitesten Sinn) als Milieu und Grundlage ihrer Krimis. Zum Beispiel hatte der Gottvater der hardboiled Krimis Dashiell Hammett einige Jahre als Detektiv für die "Pinkerton Agentur" gearbeitet, ehe er zu schreiben begann: Geschichten über einen kleinen Detektiv in eienr großen Agentur.
Und Ian Fleming (1908-1964) , der Erfinder von James Bond, war während des Zweiten Weltkrieges beim britischen Geheimdienst (beim Marinegeheimdienst) tätig.
John le Carré schließlich arbeitete auch für den Geheimdienst (u.a. auch in Deutschland) , ehe er Schriftsteller wurde.

Welche Experten sind am anfälligsten?

Klare Antwort: 1. Die Juristen.
Egal ob Rechtsanwalt, Staatsanwalt oder Richter – Juristen schreiben gerne Kriminalromanen und Thriller. Angefangen von John Grisham mit seinen robusten Komplott-Geschichten  bis zu Ferdinand von Schirach und seinen auf wahren Fällen beruhenden kleinen moralischen Miniaturen.
Andere Juristen:
Juristen, die Krimis schreiben:
Ferdinand von Schirach arbeitet als Anwalt in Berlin. Er schrieb zahlreiche Erzählungen aus der Welt des Verbrechens und der Kriminalität, außerdem die Romane TABU und SCHULD.
Er ist meist als "als Anwalt" in seinen Geschichten präsent, in denen es um Fragen wie Schuld und Verantwortung geht, aber auch um diffizile bis kuriose juristische Probleme.

Fred Breinersdorfer  ist Anwalt, Roman- und Drehbuchautor und Filmproduzent in Berlin. Er begann neben seiner Tätigkeit als Anwalt in Stuttgart zu schreiben – Romane über die Fälle eines jungen Rechtsanwaltes namens Jean Abel, der unkonventionell lebt und sich immer in seine Fälle verbeißt. Aus den Romanen entstand später die erfolgreich Anwalts-Krimiserie "Anwalt Abel" im ZDF.
Derzeit veröffentlich Breinersdorfer ein E-Book-Serial, das in Form eines Thrillers über politische Intrigen im heutigen Berlin bis hin zum Mord an Uwe Barschel erzählt: BERLIN CONFIDENTIAL.

Klaus Erfmeyer ist Anwalt in Dortmund und Essen. Held seiner Kriminalromane ist der Anwalt Knobel, der seine Fälle aus dem Großraum Dortmund/Essen bezieht und löst.

Bernhard Schlink ist Verfassungsrechtler und begann seine literarische Karriere mit den Krimis um den Mannheimer Privatdetektiv Selb


2. Ärzte
Kathy Reichs, eine der Mütter des Pathologenkrimis schuf (gemeinsam mit Patricia Cornwell) die Gattung des Pathologenkrimis. Kathy Reichs ist  eine der 88 zugelassenen forensischen Anthropologen in den USA und sie hat in der Rechtsmedizin gearbeitet. Ihre Heldin ist Temperance "Tempe" Brennan, genannt "Bones", forensische Anthropologin in Vancouver und später auch den USA – ein workoholic sondergleichen, und natürlich ein Ass auf ihrem Fachgebiet.
Eine Mischung aus Kathy Reichs als Autorenfigur und ihrer Romanheldin bildet die Titelheldin der TV-Serie "Bones", die mit der grundsätzlich realistischen Anlage der Brennan-Romane nichts zu tun hat.
Ärzte-Krimis außerhalb von Pathologien haben dann vielfach Elemente von Krankenhaus-Serien – etwa bei Christoph Spielberg, einem Kardiologen, der Krimis schreibt.
Christoph Spielberg ist Arzt und schreibt über die Abenteuer eines Arztes.

Hans Gruhl (1921 – 1966)
ist ein Klassiker. Der doppelt promovierte Mediziner schrieb neben einigen erfolgreichen Hundebüchern in den siebziger Jahren erfolgreiche Krimis, in denen Ärzte im Mittelpunkt stehen, meist auch Ermittlungsaufgaben übernehmen.
"Das vierte Skalpell" und "Die letzte Visite" waren sehr erfolgreich und wurden auch als mehrteilige Kriminalhörspiele gesendet.

3. Journalisten
Journalisten sind ein Sonderfall – wenn sie nicht direkt über den Journalismus schreiben, dann können sie sich wegen ihrer beruflichen Kenntnisse gut und umfassend in Themen einarbeiten, um so zum "Teilzeit-Experten" zu werden. Das hießt: Journalisten haben von nichts Ahnung, können aber über alles schreiben.
Schreibende Journalisten haben oft nahe am Thema Krimi gearbeitet – als Gerichtsreporter oder Polizeireporter (siehe Friedrich Ani).

Sebastian Knauer
ist der Journalist, der STERN-Reporter den toten Uwe Barschel in seinem Hotelzimmer in Genf entdeckte. Nicht nur dieses Erlebnis verarbeitete er in diversen Kriminalroman

Jacques Berndorf
arbeitete unter seinem richtigen Namen Michael Preute jahrelang als Reporter für verschiedene Illustrierte.

Michael Connelly
geistiger Vater von "Harry Bosch", arbeitete als Polizeireporter und war Spezialist für Kriminalreportagen.

ENDE


18.2.14

Thomas Hermanns
Mörder-Quote

Thomas Hermanns
Mörder-Quote
Goldmann

Der MUSIC-STAR 3000 geht in die sechste Staffel - die erfolgreichste Casting Show des deutschen Fernsehens, und wieder ist Tanya Beck die Moderatorin des Wettsingens um den Plattenvertrag. AM Start sind auch wieder alle Typen, die Man für so eine Show braucht: Die Diva, der Prolet, die Transe, das Heimchen, der Sunnyboy und all die anderen.
Doch niemals galt das Motto der Show: "Es kann nur einer übrigbleiben" so wie diesmal. Zuerst stirbt ein Maskenbildner aus dem Team, dann ein Paparazzo, und die nächsten Todesfälle dezimieren dann auch das Teilnehmerfeld. Wer steckt hinter den Mordanschlägen? Ein Kandidat, der sich nach vorn bringen will?

Thomas Hermanns, Comedy-Spezialist im Privatfernsehen, Erfinder des Quatsch-Comedy-Clubs und bekennender ESC-Fan hat keine bösartige Abrechnung mit dem Casting-Show Wahnsinn geschrieben, sondern eine amüsante Krimi-Comedy, die dem Muster des klassichen Zehn Kleine Negerlein-Krimis gehorcht. Sein Portrait der TV-Branche ist allerdings nicht frei von kleinen ironischen Spitzen, die immer genau auf den Punkt treffen.

Krimi-Comedy vom Spaß-Spezialisten - Garantie für die perfekte Unterhaltung.
Reinhard Jahn WDR5 Mordsberatung

13.2.14

Marabo 1982
Der Stoff ist in mir selbst
Portrait Thomas Rother


Der Stoff ist in mir selbst
Noch bevor Siegfried Lenz in 'Der Verlust' das Thema behandelte, beschrieb der Essener Thomas Rother, wie ein Mensch reagiert, wenn er plötzlich seine Sprache verliert: er zieht Bilanz.
Ein Portrait von Petra Herbst und Reinhard Jahn

Vierzig Jahre alt war er, als es passierte: Er, der Journalist und Schriftsteller, für den der Umgang mit dem Wort zum täglichen Brot gehörte, verliert durch einen Schlaganfall die Fähigkeit zu sprechen und zu schreiben. 'Aphasie', nennen es die Ärzte, die Unfähigkeit, Worte und Bezeichnungen für die Dinge der Welt zu finden oder sie zu artikulieren. Eine neurologische Störung, hervorgerufen durch die unzureichende Durchblutung des Sprachzentrums im Gehirn.
Was wie eine belehrende Fabel klingt, ist die Wirklichkeit, die Thomas Rother, Redakteur bei einer Essener Zeitung, erleben musste.
Aber dann passiert noch etwas Ungewöhnliches: Nachdem Rother durch das harte Training seiner Sprachtherapeutin genesen ist, nachdem die Gehirntomographie zeigt, dass die Mangeldurchblutung bis auf einen kleinen Rest wieder behoben ist, veröffentlicht er ein Buch, dessen Hauptfigur ein ähnliches Schicksal erlebt wie sein Autor.

"Das plötzliche Verstummen des Wilhelm W." ist aber trotzdem kein autobiographischer Rekonvaleszenz-Roman, auch wenn Parallelen zwischen dem Schicksal des Thomas Rother und dem Unglück seines Protagonisten Wilhelm Wotschke sich aufdrängen. "Das plötzliche Verstummen..." ist das Zeugnis einer ungewöhnlichen Krankheitsbewältigung: Wilhelm Wotschke, Lokaljournalist, nicht besonders glücklich verheiratet, erwacht eines Morgens und kann nicht mehr sprechen. Auch alle Versuche, sich schriftlich mitzuteilen, schlagen fehl; ihm fehlen einfach die Worte.
Schlaganfall, stellt man in der Klinik fest. Vierzig Jahre ist Wilhelm W. alt - viel zu jung für eine solche Krankheit. Ans Bett gefesselt, unfähig, mit anderen Patienten zu reden, sich auszudrücken, wird sich Wilhelm W. langsam ,der Ursachen seiner Krankheit bewusst. Es sind Ursachen, die in einer bisherigen Lebens- und Arbeitseinstellung zu suchen sind. In der Jagd nach Anerkennung und Pflichterfüllung, im Stress des Reportergeschäftes.
Er forscht nach, kramt in den Erinnerungen, entdeckt schließlich ein altes Gedicht, in dem er, unbewusst noch, die Ursachen umrissen hat:

Du musst vorwärts kommen 
Du musst vorankommen 
Du musst hochkommen 
Du musst nach oben kommen 
Du musst es zu etwas bringen 
Du darfst nicht hinterherhinken 
Du musst am Ball bleiben 
Du musst am Mann bleiben 
Du musst immer obenauf sein 
Du musst dich nicht unterkriegen lassen 
Du musst vorne liegen  
Du darfst nicht absteigen 
Du musst dich beugen 
Du musst dich bücken 
Du musst dich ducken 
Du musst kriechen  
Du musst fit sein 
Du darfst keine Schwäche zeigen 
Du darfst nicht abseits stehen 

"Schreiben hängt ja immer mit Nachdenken zusammen!", sagt Thomas Rother zur Entstehungsgeschichte des Buches. "Und ich dachte über mich selbst nach und erkannte: Du hast ja den Stoff in dir selbst. Der Schriftsteller hat immer seinen Stoff in 'sich selbst. So ergab sich das naheliegende Thema: Thomas Rother selbst."
Dass es trotzdem kein Krankenbuch geworden ist, keine Rezeptur für Schlaganfallpatienten, liegt daran, dass Rother sich auch und vor allem mit der Sprache an sich beschäftigt.
Anstoß dazu war vielleicht die Sprach- und Schreibtherapie, in deren Verlauf er unter anderem die Aufgabe gestellt bekommt, möglichst viele Begriffe für 'Sprechen' zu finden. Über 700 Wörter trägt er zusammen, das sind mehr als jedes deutschsprachige Wörterbuch liefert. Aber das ist auch der Beweis für die Vielgestaltigkeit, mit der ein Mensch seine Umwelt, seine Realität strukturieren kann.
Denn Sprache hat die Aufgabe, Realität zu reflektieren. Und seinen persönlichen Stil, diese Realität widerzuspiegeln, erklärt Thomas Rother so: "Ich versuche, einfach zu schreiben, ich versuche, banal zu schreiben. Aber ich versuche, nicht schlecht zu schreiben." Das ist der Stil seines Buches: klare, aussage kräftige Sätze, ohne poetische Ausschweifung, ohne 'Wortgeklingel', mit dem man mehr verschleiern als deutlich machen kann.

Aber wie verhält sich diese Art. zu schreiben zum Stil des Tagesjournalismus, mit dem Thomas Rother mittlerweile wieder sein Brot verdient?
"Es ist ein Konflikt!", gibt er zu. "Der Tagesjournalismus ist - der Tod der Schriftstellerei.
Denn zum Schreiben braucht man Distanz, und die hat man als Tagesjournalist nicht. Deshalb scheue ich mich auch davor, Kommentare zu schreiben."
Aber weil Thomas Rother auch ein Mensch mit Prinzipien ist und beide Arten des Schreibens auch ihre Gemeinsamkeiten haben, liegt die Lösung des angesprochenen Konflikts in dem Grundsatz, den er sich für seine Arbeit gestellt hat: "Es ist der Grundsatz der Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit. Das gilt für den Journalismus wie auch für die Schriftstellerei. Man muss ehrlich sein, bei dem, was man schreibt, und das ist beim fiktiven Schreiben oft schwerer als im Journalismus. Wenn ich sehe, dass ich etwas nicht so schreiben kann, wie ich es möchte, weil mir die Worte dazu fehlen, dann lasse ich es lieber ganz sein." Das spiegelt nicht nur eine Einstellung zum Schreiben wider, sondern auch eine Art zu leben, anders zu leben, als es die Axiome der Leistungsgesellschaft vorschreiben: nicht dem Fetisch 'Leistung' und 'Erfolg' zu huldigen, sondern eine persönlich befriedigende Arbeit verrichten. Das tun, was man will, nicht das, was man soll - was aber nicht aussschließt, dass beide Aspekte.
recht oft zusammentreffen.

Thomas Rother:
Das plötzliche Verstummen des Wilhelm W.
202 Seiten, Scherz Verlag, München.

Kasten: Zur Person
Thomas Rother, geboren 1937 in Frankfurt/Oder, wechselte nach dem Abitur von der DDR in die Bundesrepublik. Nach verschiedenen Hilfsarbeiten und einer Maurerlehre samt Gesellenprüfung begann er, in 'Münster Publizistik und Germanistik .zu studieren. Früh trat er mit Veröffentlichungen in Zeitungen hervor: Gedichte und Erzählungen. Seit Anfang der 60er Jahre arbeitet er als Redakteur in Essen, daneben ist er als Schriftsteller tätig und beschäftigt sich intensiv mit der Bildhauerei.

Aktuelle Biographie Thomas Rother bei WIKIPEDIA

Reinhard Jahn und Petra Herbst
Der Stoff ist in mir selbst - Portrait Thomas Rother
Marabo, Bochum, Heft ?/1982

 


9.2.14

Marabo 07/1981
Alles ganz einfach
Portrait René Zey

Alles ganz einfach

Abseits von Bestsellerrummel und Literaturbetrieb hat sich einer seinen ganz persönlichen Bestseller geschaffen.
Rene Zey wird porträtiert von Reinhard Jahn
Foto : Andreas Böttcher

Es ist alles ganz einfach.
Den Eindruck hat man jedenfalls, wenn man Rene Zey erzählen hört. Da hat er also in seiner Studentenzeit damit begonnen, einen Roman zu schreiben und ist nicht über die neunzigste Seite hinausgekommen. Um nun doch noch etwas aus dem Manuskript zu machen, nimmt er einige Passagen, die sich mit dem Leben und Über-Leben an der Hochschule beschäftigen, heraus, rhythmisiert sie, bringt sie in Gedichtform. Schreibt noch einige Gedichte hinzu, bis rund 60 Texte beisammen sind und geht mit der Sammlung bei renommierten Verlagen Klinken putzen.

"Ohne Kenntnis der Lage habe ich damals einfach das Manuskript herumgeschickt, sagt er heute dazu. "An Verlage, die entweder gar keine Lyrik herausbrachten oder überhaupt keine Originalausgaben machten." Jedenfalls macht sich der junge Dichter nach der dreißigsten Rücksendung Gedanken über andere Möglichkeiten, seine Texte an die Öffentlichkeit zu bringen.
Von Bekannten bekommt er den Hinweis, sich an Kleinverlage zu wenden, vielleicht habe er dort mehr Chancen.

Doch mittlerweile ist schon ein Freund auf die Texte aufmerksam geworden und organisiert eine Veröffentlichung über den finanzstarken RCDS, den Ring Christlich Demokratischer Studenten, der Hochschulorganisation der CDU.
"Politisch hat das gar nichts zu bedeuten", sagt Rene Zey wiederum heute dazu. "Es war einfach die Möglichkeit, an die Öffentlichkeit zu kommen. Und als ich dann gesehen habe, dass das Buch ein Erfolg war, dass sich die Leute dafür interessierten, habe ich die zweite Auflage selbst veröffentlicht."
Es ist alles ganz einfach den Eindruck hat man, wenn man Rene Zey davon erzählen hört, wie er sich für zehn Mark den grünen Gewerbeschein vom Ordnungsamt der Stadt Essen holte und somit zum Verleger wurde.
Ganz einfach auch die Zuteilung einer Internationalen Standard Buchnummer (ISBN), durch die er in die offiziellen Verzeichnisse des Buchhandels und Verlagswesens aufgenommen wird. Und zwar nicht als Autor, sondern als Unternehmer: Rene Zey, Inhaber des rz- Verlages. Auch weiter ist alles ganz einfach: Er lässt sein Manuskript setzen, besorgt die Gestaltung des Umschlages, gibt das Buch in Druck und zieht mit der ersten selbstverlegten Auflage seiner Gedichtsammlung 'Sommersemester-Wintersemester' über die Dörfer - sprich: über die Mensavorplätze der Universitäten, wo Tag für Tag zur Mittagszeit allerlei politisches und alternatives Buchwerk feilgeboten wird.
Es ist wirklich alles scheinbar so einfach, wenn man Rene Zey zuhört, wie er mit ruhiger, leiser Stimme von diesen so selbstverständlichen ,Dingen erzählt. Dass er zum Beispiel nebenbei noch studiert hat, an den Hochschulen Essen, Bonn und Münster und zwar die Fächer Germanistik und Philosophie, um jetzt nach dem Ersten Staatsexamen auf seine Einstellung in den Staatsdienst (sprich: Lehrer) zu warten.
Ein halbes Jahr wird er voraussichtlich - arbeitslos sein, bis man ihm ein Referendariat zuteilt, und in dieser Zeit zieht er mit der mittlerweile fünften Auflage seines Büchleins durchs Land, baut seinen Stand 'an den Universitäten auf, klebt und verteilt Flugzettel und verkauft für 4,80 Mark - die "Aufzeichnungen eines Studiums", so der Untertitel des Werkes.

13-UHR NACHRICHTEN
Zwei Semester warten
hätten sie sollen
dachte der Examenskandidat
bis ich fertig bin
Nicht jetzt
Ohne zu stocken
hatte der Rundfunksprecher gemeldet:
NRW stellt
als einziges Bundesland
voraussichtlich
zum letzten Mal
alle Junglehrer ein.

Das ist, sagt er, eines von den guten Gedichten.
Schlechte· oder nennen wir sie 'nicht so gute' gibt es auch in dem Buch, das gesteht er sogar ungefragt ein. Wie er überhaupt allen kritischen Bemerkungen über seinen Gedichtband mit einer zustimmend-gelassenen Haltung begegnet.
Sicher, einige der Gedichte sind ihm nicht besonders gelungen, sagt er, doch er hat sie dennoch veröffentlicht, weil Freunde und Käufer ihm dazu geraten haben. Gewiss, auch das gibt er zu: das Thema des Bandes - die Isolation, die Frustration und die menschliche Kälte des Universitätsbetriebes - auch· dieses Thema ist trivial. Er steht zu dieser Trivialität, genau wie' er unverblümt erklärt, dass er mittlerweile vom Verkauf des Buches fast leben könnte.
"Was soll ich mir ein alternatives Mäntelchen umhängen und erklären, dass ich damit nicht verdiene!" fragt er.

LEISTUNGSABFALL
Die Vorlesungen im
ersten Semester
waren säuberlich
mit Schreibmaschine
abgetippt.
Die im zweiten unmittelbar per Hand
kaum leserlich
mitgeschrieben
Im dritten Semester
hatte er sich.
auf Stichworte beschränkt
Ab dem fünften waren
Aufzeichnungen jeder Art
nicht mehr vorhanden.

Das, sagt er, wäre eins von den weniger gelungenen Gedichten. Bei etwa der Hälfte der sechzig Verse des Buches sei ihm das gelungen, was er bei seinem Vorbild Peter Handke bewundert: Die Versprachlichung von Gefühlen, die Beschreibung von Empfindungen. Das ist nicht sein Erfolgsrezept sondern sein Bemühen seitdem er als fünfzehnjähriger vor zehn Jahren mit dem Schreiben begann.
Dass es ihm heute leicht als Masche ausgelegt werden kann, stört ihn nicht. Im Gegenteil. Ein oft gehörtes Urteil über 'Sommersemester- Wintersemester' lautet: "Hier hat einer genau das  einmal aufgeschrieben, was jeder Student im Laufe seines Studiums irgendwann mal empfindet."
Und dieses Urteil das sowohl die Trivialität des Themas als auch die mit unter simple Darstellung einschließt, wird von Rene Zey mit einem zustimmenden· Nicken begrüßt: "Ja, so war es gemeint!"
Es ist alles ganz einfach, wenn man sich mit Rene Zey unterhält. Es ist alles ganz einfach, weil er klare Antworten auf klare Fragen gibt kurze Selbstbeschreibungen, offene und klare Vorstellungen seines Seins. Bewundernswert an ihm seine Ruhe, mit der er die Realitäten des Lebens nicht nur beschreibt sondern auch zu meistern scheint.
Die Ruhe, mit der er den Kulturbetrieb an sich vorbeiziehen lässt, der sich allerorten sofort entfaltet, wenn sich zwei oder drei Schriftsteller und Filmemacher treffen. Höchstens als Beobachter ist er an diesem Jahrmarkt der Eitelkeiten beteiligt, wo man sich mit Küsschen links und Küsschen rechts und dem gehauchten 'Wie geht es dir?' begrüßt.
Bewundernswert einfach und klar ist das Leben dieses Rene Zey, so einfach und klar, dass 'man es im ersten Augenblick gar nicht glauben möchte. Auf Samtpfoten scheint er sich den Dingen zu nähern wenn er mit leiser Stimme über die verschiedenen Probleme spricht, die Worte dabei deutlich und aussagekräftig setzt.

Probleme hat er augenblicklich wohl nicht: In einem halben Jahr, so hofft er, wird eine Stelle an einer Schule frei sein. In der Zwischenzeit wird er weiter seine Bücher zwischen Dort mund und Duisburg, zwischen Giessen und Bonn verkaufen und auch an seinem nächsten Werk weiterarbeiten.
Etwas in Richtung eines Essays, erklärt er dazu. Arbeitstitel "Kreisbrüche". Thema ist die Wiederholung im Leben der Verlust von Lebenszeit durch Wiederholung.
Natürlich, wenn sich ein renommierter Verlag findet, möchte er es ihm gern überlassen. Und wenn nicht - Erfahrungen als Selbstverleger hat er ja, da sieht er keine Probleme.

WAS BIN ICH
Seine Arbeit besteht darin
durch die Worte zu tauchen
bis das Neonlicht
auf dem vergilbten Papier
zu schwach wird
Wenn er dann
Kopfschmerzen hat
öffnet er seine Teedosen
und versucht mit
geschlossenen Augen
das Aroma zu erraten
Hinterher schafft er meist·
noch zehn oder zwanzig Seiten

Eins von den guten Gedichten? Oder von den weniger guten? Gar nicht so einfach, oder?

Rene Zey: Sommersemester-Wintersemester, Aufzeichnungen eines Studiums. 63 Seiten rz-Verlag zu beziehen von: Rene Zey, Sxxxxxxstr. 64, 4300 Essen


Reinhard Jahn:
Alles ganz einfach / Portrait Renè Zey
in: MARBAO, Bochum, Heft 7(Juli)/ 1981
S.36.37

 

3.2.14

Ruhr-Nachrichten 23.1.1982
Sein Lebenslauf ist ein halber Roman
Portrait Siegfried Mrotzek

Siegfried Mrotzek:
Sein Lebenslauf ist ein halber Roman

Mit seinen Epigrammen, kurzen, knappen Gedankensplittern ist Siegfried Mrotzek aus Herdecke bekanntgeworden. Daneben schreibt er Kurzgeschichten, textet Chansons und übersetzt holländische Literatur und Comic-Sprechblasen.

Allein schon sein Lebenslauf ist ein halber Roman: als Halbwüchsiger gerät er in einem Alter, in dem man ,normalerweise konfirmiert wird, in die Mühlen des endenden Krieges. Nach dem .Zusammenbruch arbeitet er als Knecht auf einem Bauernhof, lernt anschließend den Beruf des Drehers und wandert nach Kanada aus.
Als es ihm dort nicht gefällt, kommt er nach drei Jahren zurück, lässt sich in Wetter an der Ruhr nieder, bis ihm der Gedanke kommt, nach Südfrankreich zu reisen. In Amsterdam macht er Zwischenstation, möchte nur eine Woche bleiben - es werden vier Jahre daraus, in denen er Holländisch lernt, mit Freunden und Schriftstellerkollegen in "seinem" Stadtviertel lebt, nebenbei als Dreher arbeitet.
Siegfried Mrotzek ist wirklich her umgekommen, und dass er seit knapp zehn Jahren wieder im Revier lebt, zunächst in Dortmund und nun in Herdecke, heißt wahrscheinlich noch lange nicht, dass er zur Ruhe gekommen ist.

Schreiben und Leben gehören für ihn einfach zusammen. Als Siebzehnjähriger fing er mit Gedichten an ("Für den besten Verleger der Welt - den Papierkorb!"), in seiner Zeit in Kanada war er Redakteur einer deutschsprachigen Wochenzeitschrift, als Übersetzer und als Autor von Kurzgeschichten und Epigrammen hat er sich in den letzten Jahren einen Namen gemacht.

Denn das Schreiben, "die gesündeste Form der Schizophrenie", ist eine Möglichkeit, Mitteilungen zu machen, von sich selbst und von der Welt, die. einen umgibt. Siegfried Mrotzeks Epigramme, die er selbst lieber "Kleinholz" nennt, sind das beste Beispiel dafür:' konsequente. aber kontrollierte Stellungnahmen zu der Wirklichkeit, kurz. prägnant. auf den Punkt gebrachte Argumentationsketten. die das Absurde mancher Situation erkennen lassen:
was unsere volksvertreter ganz besonders auszeichnet ist ihre vertretermentalität.

Siegfried Mrotzek nimmt das Schreiben persönlich, er weigert sich, seine eigene Meinung zu verleugnen und Lohnschreiberei für Dinge zu betreiben, die er nicht vertreten kann, sowohl inhaltlich als auch formal. "Ich kann es niemand übelnehmen, wenn er ein Sachbuch über Kirschenzucht schreibt, um ein bisschen Geld zu verdienen, obwohl er eigentlich etwas ganz anderes machen möchte", sagt er. Aber er nimmt gerade aus diesem Grund auch für sich in Anspruch, alles zu sagen und sagen zu dürfen, was ihn beschäftigt und beeindruckt.
"Ich kann es auch keinem Autor übel nehmen, wenn er einmal ein schlechtes Buch schreibt", sagt er weiter. "Nur darf er das nicht gewusst haben, als er das Buch geschrieben hat." Oder.. wie er es in einem seiner Epigramme ausdrückt:
Das perfekte gedicht ist nicht 
und wird nie geschrieben
Davon leben die dichter

Eine Sache gut zu machen, etwas auf "die beste mögliche Art" zu sagen, das ist seine Einstellung zur Arbeit, eine Einstellung, die Konzentration und Einfühlungsvermögen bis an die Grenze der körperlichen und geistigen Belastbarkeit fordert: wenn er an Übersetzungen oder eigenen Texten arbeitet, verbeißt er sich in die Aufgabe, geht in ihr auf und ist kaum noch ansprechbar, bis schließlich (meistens wenige Stunden vor , dem Abgabetermin) der Schlusspunkt  gesetzt worden ist: "Unter Zeitdruck arbeite ich am besten."
Siegfried Mrotzek. klein, kariertes Hemd und Lederweste, dazu Cordjeans und Holzclogs, gehört zu den "Höhlenmenschen", er ist einer, der sich in sein kleines Arbeitszimmer mit den deckenhohen Bücherregalen und den vier Schreibmaschinen ("Für alle Fälle!") zurückzieht, um sein Bestes zu geben. Denn wer schreibt, hat eine Mitteilung zu machen, trägt eine Verantwortung. auch,  wenn das Buch schließlich nur  200mal verkauft wird. "Wer schreibt, macht immer eine politische Aussage. Wenn jemand nur Gedichte über Gänseblümchen schreibt - dann  heißt das doch, dass ihm außer Gänseblümchen in seiner Situation nichts mehr einfällt. Und das hat doch auch seine Gründe!"
Mit Gänseblümchen allerdings beschäftigt sich Siegfried Mrotzek in seinen Epigrammen nicht; seine kurzen Texte legen den Finger auf wunde Punkte - sie sind Gedankengänge, die den "logischen Knick" in den Überlegungen der Mitmenschen freilegen:
"Die unmöglichkeiten von heute sind die möglichkeiten von morgen.
Das heißt, es ist möglich, die unmöglichkeit aufzuheben, 
aber unmöglich, die möglichkeiten aufzuhalten."
Reinhard Jahn

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Zur Person:
Siegfried Mrotzek, geboren 1930 in Stolp/Pommern. 1944 Abbruch der Schule und Einsatz im Krieg. Nach 1945 zunächst Knecht auf einem Bauernhof, dann Berufsausbildung zum Dreher, anschließend als Kohlenschipper, Montageschlosser, Wachmann und Baggerführer tätig.
1957 wandert er nach Kanada .aus, schlägt sich als Anstreicher und Bauarbeiter durch, arbeitet im Eisenbahnbau und im Uranbergwerk, wird schließlich Redakteur einer deutschsprachigen Tageszeitung in Edmonton/Alberta.
Dann kehrt er nach Deutschland zurück, arbeitet von 1961 bis 1965 als technischer Angestellter, geht anschließend bis 1969 nach Holland und eignet sich während seines Aufenthaltes in Amsterdam die holländische Sprache an. 1973 kehrt er wieder zurück und lässt sich als freier Übersetzer und Autor in Herdecke nieder.
Bücher: Kleinholz (Epigramme, "1979), Verlag Atelier im Bauernhaus.
Übersetzungen: Jan Wolkers: Türkische Früchte, Zurück nach Oegstgeest, Harry Mulisch: Zwei Frauen; Ward Ruyslinck: Goldene Ophelia.

Reinhard Jahn:
Sein Lebenslauf ist ein halber Roman – Portrait Siegfried Mrotzek
Ruhr Nachrichten Dortmund/Essener Tageblatt Essen
Samstag, 23. Januar 1982