30.6.08

Kevin Lewis: Kaitlyn

Sex, Drogen, Gewalt:
Bewegender Sozial-Thriller aus England


Roxford ist eine Sozialsiedlung, irgendwo in London. Eine Gegend, in der man sich als Fremder besser nicht auf den Straßen blicken lässt. Es sei denn, man ist auf der Suche nach schnellem Sex oder Drogen. In Roxford regiert eine ungesunde Mischung aus Resignation und Gewalt.
Hier wächst Kaitlyn auf, mit ihrer Mutter Angela und anfangs noch mit ihrem kleinen Bruder Christopher. Hier wird sie Zeugin, wie der gewalttätige Freund ihrer Mutter den kleinen Bruder fast zu Tode prügelt, erlebt wie ihre Mutter zur drogenabhängigen Prostituierten wird. Die Umstände bestimmen Kaitlyns Leben - und je älter sie wird, desto mehr versteht sie die Zusammenhänge und passt sich an: in der Jugendgang, mit der sie Läden ausräumt, und später als Drogenkurierin für den Rauschgiftboss von Roxford.
Währenddessen wächst ihr Bruder Christopher bei dem Mittelklassepärchen Jane und Paul Tobin auf, die ihn adoptiert haben. Dass der Junge eine zunehmende Neigung zu plötzlichen Gewaltausbrüchen hat, versuchen die beiden zu ignorieren, bis es fast zu spät ist.
Kaitlyns Lebensweg, ihr Kampf mit und gegen den Verhältnissen in Roxford, die Schicksale der Menschen, mit denen sie zu tun hat - all das erzählt Kevin Lewis in einem breiten Panorama. Mit einer Intensität und Präzision, die von der ersten Seite seines Sozio-Thrillers an gefangen nimmt. Kevin Lewis, der es schaffte, aus ähnlich schlimmen Verhältnissen herauszukommen und Schriftsteller zu werden, verteilt dabei keine Klischeeetiketten dafür, wer für den sozialen Sumpf in Roxford und die deprimierenden Lebensverhältnisse verantwortlich ist - er bleibt, wie seine Heldin Kaitlyn, trotz aller Tiefschläge und Gewaltausbrüche menschlich. Und das berührt an dieser Geschichte, an Kaitlyns Geschichte.

Kevin Lewis
Kaitlyn
dtv Taschenbuch

Klaus Peter Wolf: Ostfriesenblut

Leiche vor der Haustür:
Ostfriesenblut ist Ferienlektüre

Ann Kathrin Klaasen hat wirklich genug um die Ohren: die Ehe mit dem Frauenversteher Hero ist gescheitert, die Erziehungsversuche am Teenager-Sprößling Eicke laufen ins Leere. Und dann legt ihr noch jemand eine Leiche vor die Tür ihres Häuschens in Ostfriesland. Denn Ann Kathrin Klaasen im Kommissarin bei der Kripo.
Die Tote vor ihrer Haustür ist mehr als ein makaberer Scherz - eine alte Frau, die aus der Obhut des Bestatters gestohlen wurde, und die einen natürlichen Todes gestorben ist. So schien es jedenfalls bisher. Doch dann schaut die Rechtsmedizin genauer nach und entdeckt Spuren von Gewaltanwendung.
Ann Kathrin Klaasen und ihre Kollege Weller - die beiden finden sich ungeheuer sympathisch und es kommt später natürlich zu dem, zu dem es kommen muss - graben weiter und entdecken hinter dem Tod der alten Frau eine Familiendrama, das berührt. Doch damit ist der Fall noch längt nicht abgeschlossen - denn die alte Frau ist ganz offenbar nur ein Opfer einer Serie von brutalen Morden, mit denen ein Serienkiller seine blutige Spur durch Ostfriesland zieht. Es ist der Rachefeldzug eines Menschen, der die Gewalt die er selbst erfahren hat jetzt gegen seine Mitmenschen wendet, wie Kommissarin Klaasen bald herausfindet. Und die Leiche der toten alten Frau hat der Täter ihr vor die Tür gelegt, um ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Nicht aus kriminalistischen, sondern aus menschlichen Motiven.
Wie überhaupt alles sehr, sehr menschlich ist in diesem zweiten "Ostfriesenkrimi" des erfolgreichen, aus Gelsenkirchen stammenden Jugendbuch- und Drehbuchautors Klaus-Peter Wolf.
Diese Ann Kathrin Klaasen ist eine Heldin zum Mutfühlen und Mitleiden, aber auch zum Mit-Fiebern und Mit-Kombinieren, wenn es um die Krimi-Story geht: ein gelungener Spannungsroman und eine perfekte Ferienlektüre. Auch für den Urlaub in Ostfriesland.

Klaus-Peter Wolf:
Ostfriesenblut
Fischer Taschenbuch

28.6.08

Jörg Juretzka: Bis zum Hals

Hardboiled im Revier:
Kryszinski steckt immer bis zum Hals in Schwierigkeiten

Wenn Philip Marlowe oder Sam Spade einen unehelichen Sohn in Deutschland gehabt haben, dann heißt er Kristof Kryszinski, hört auf den Spitznamen Krüschel, lebt in Mülheim Ruhr und ist Privatdetektiv. Und der Schriftsteller, der von seinen Abenteuern erzählt, ist der mit dem Literaturpreis Ruhrgebiet ausgezeichnete Mülheimer Jörg Juretzka.
"Bis zum Hals" ist Krüschels achter Fall - und der Titel ist wörtlich zu nehmen. Kryszinski steckt bis zum Hals in Schwierigkeiten, nachdem man ihm mitten in der Nacht einen toten Russen vors Auto gestoßen hat. Seine Erzfeinde bei der Polizei, die Kommissare Menden und Hufschmidt, würden nichts lieber tun, als Krüschel deswegen für immer aus dem Verkehr zu ziehen.
Aber Kryszinski wäre nicht Kryszinski, wenn er sich nicht auch da wieder aus der Affäre ziehen könnte, um auf eigene Faust nach Beweisen dafür zu suchen, dass man ihn ganz bös in etwas reingerissen hat. Was hat der Russe Dimitri im Ruhrgebiet getrieben, warum hat er sich in einer Wohnwagenkolonie verkrochen und sich um einen Job bei einem Sicherheitsdienst bemüht? Antworten könnte Dimitris Frau, die betörend schöne Anoushka liefern, doch Anoushka gibt sich spröde und nutzt es einfach nur aus, dass sich der harte Krüschel sich bis über beide Ohren in sie verliebt. Und wir Leser sind auf einmal auf der Seite des ruppigen Ex-Junkies, Ex-Bikers, des heruntergekommenen, sprücheklopfenden Schwadroneurs Krüschel, denn wir ahnen, dass Anoushka nicht gut für ihn ist.
Jörg Juretzka macht in seinem auf hardboiled getrimmten Ruhrgebietskrimi stilistisch wieder einmal seine Anleihen bei Raymond Chandler und Dashiell Hammett, aber er kopiert die Meister nicht - zum Glück. Denn dieser Krüschel Kryszinski ist ein Original für sich.

Jörg Juretzka
Bis zum Hals
Ullstein Taschenbuch
300 Seiten

27.6.08

Kim Småge: Zweitgesicht

Zweitgesicht:
Psycho-Spannung aus Norwegen.

Kommissarin Anne-kin Halvorsen ist schwer verliebt - aber kann nicht so recht daran glauben, dass ihr Mister Right es auch wirklich wert ist. Und eine Beobachtung, die sie eines Nachts macht, scheint ihre zu bestätigen, dass er es nicht wert ist. Wieder einmal muss eine Kommissarin nicht nur im Beruf, sondern auch im Privatleben ihren Mann stehen. Der Kriminalfall, den Kim Småge in ihrem neuen Krimi "Zweitgesicht" entwickelt, zeigt viel vom Schauplatz, dem norwegischen Trondheim, und er zeigt viel von einer Gesellschaft, die langsam von innen heraus zerbricht.
Es geht im Vivian, eine junge Frau, die verschwunden ist. Sie hat, das findet Anne-kin Halvorsen schnell heraus, als Prostituierte gearbeitet und ist dabei in Gesellschaft von Leuten geraten, von denen sie sich besser hätte fernhalten sollen: osteuropäische Menschenschmuggler. Das ist kein spektakulärer Fall, sondern eher kriminalistische Routine, ebenso wie die Probleme ihres kleinen Bruders, mit dem sich Anne-kin außerdem noch beschäftigen muss.
Dass aus all diesem Alltäglichen dennoch ein guter, weil spannender und berührender Kriminalroman wird, ist der außerordentlichen erzählerischen Gewandtheit der Autorin zu verdanken. Kim Småge ist die Literatin unter den eher mittelmäßig erzählenden skandinavischen Krimi-Autoren. Sie verdichtet, wo ihre Kolleginnen und Kollegen so gern in die Breite gehen, sie konzentriert ihren Stil auf das wesentliche und arbeitet damit die Essenz aus den vielen scheinbar so gewöhnlichen Situationen heraus: Dass das Zusammenleben der Menschen von Misstrauen und Beobachtung geprägt ist, von eine untergründigen Unsicherheit, dir das Miteinander ebenso zur Qual macht wie das Alleinsein.

Kim Småge
Zweitgesicht
Ariadne Krimi 1176

26.6.08

Anne Chaplet: Russisch Blut

Katalina, eine junge Tierärztin, kommt in einen kleinen Ort: Blanckenburg. Welches Geheimnis hütet die seltsame Familie, die in dem verfallenden Schloß dort lebt, einer Nachkriegs-Wende-Treuhand-Investitions-Ruine, wie sie eigentlich nur in Deutschland stehen kann. Als Katalina entdeckt, dass die Familie den alten Grafen Gregor langsam in den Tod treibt, zieht sie damit den Schleier von einem Stück deutsch-deutscher Vergangenheit, an das viele nicht gern erinnert werden.
Nach fünf höchst erfolgreichen Romanen um ihr Ermittlerteam Karen Starck und Paul Bremer hat Anne Chaplet jetzt Schauplatz und Sujet gewechselt und mit Katalina eine der interessantesten neuen Figuren in der deutschen Krimilandschaft geschaffen.

Anne Chaplet
Russisch Blut
Piper Taschenbuch

14.6.08

Martin Kleen: Anästhesie

Medizin- und Krankenhaus-Krimi

Für einen Notkaiserschnitt wird die junge Heidelberger Anästhesistin Dr. Charlotte Arbro nachts in den Kreißsaal gerufen. Das Kind wird gerettet, doch die Mutter verblutet. Der Witwer verklagt die Ärztin, die Klinikleitung sieht ihren guten Ruf in Gefahr. Doch der Tod der jungen Mutter ist erst der Beginn einer unheimlichen Serie von Todesfällen – und mit allen hat Dr. Arbro etwas zu tun.

Sechs perfekte Morde – Morde, von denen nur der Leser und der Mörder wissen – bedrohen erst die Karriere, dann das Privatleben, schließlich das Leben der Ärztin. Als sie dem Mörder in die Quere kommt, plant der ihren Tod genauso minutiös wie die anderen zuvor. Der Autor weiß, worüber er schreibt, denn er war jahrelang selber Anästhesist. Entsprechend akribisch und realistisch hat er für „seinen" Mörder perfekte Morde ausgetüftelt. Wer diesen Medizinthriller gelesen hat, überlegt es sich zweimal, ehe er sich wieder eine Narkose machen lässt.

Spannung pur: der Krimi für alle Fans von Emergency Room. Spannend nicht nur wegen der Story, sondern auch wegen der Einblicke, die uns der Autor hinter die Kulissen des Krankenhausbetriebs gewährt.

Martin Kleen:
Anästhesie
Leda, TB-Remake

13.6.08

Tatjana Kruse: Wie klaut man eine Insel

Borkum soll österreichisch werden. Krimi-Insel-Comedy

Roland Büby kommt aus Schwäbisch Hall. Er ist Philosoph und großartiger Diogenes-Kenner, hat über "Das Erfassen der Realität im brutalen Pragmatismus des Diogenes" promoviert und danach natürlich keine Arbeit gefunden. Er ist nach Borkum gekommen, um seinem Leben ein Ende zu setzen in der Pension von Gesche Piepenbrink. Weil - ja weil er einfach keinen Verleger für sein epochales Werk über Diogenes gefunden hat - und weil er nicht damit leben kann, nach der Rechtschreibreform jetzt ein Filosof mit zweimal F zu sein.

Arved von Trauentzien ist nach Borkum gekommen, um die Insel in Besitz zu nehmen. Denn der österreichische Adelige hat im Familienarchiv eine Urkunde gefunden, aus der hervorgeht, dass Napoleon der Familie derer von Trauentziens die Insel vermacht hat. Die Insel Borkum. Bis Arved seine Ansprüche gegen den Borkumer, dem deutschen Staats und der europäischen Kommission durchgesetzt hat, wohnt er mit Ehefrau und Geliebter in der Pension von Gesche Piepenprink.

Und genau dort, in der Pension, steht Roland Büby dann vor einer Leiche. Ein Unbekannter, der aber eine unverkennbare Ähnlichkeit mit Arved von Trauentzien hat, dem es inzwischen gelungen ist, die gesamte Inselbevölkerung gegen sich aufzubringen. Und als dann kurz darauf noch in den Borkumer Dünen ein Mann niedergemetzelt wird, der wiederum eine unverkennbare Ähnlichkeit mit Arved hat, fragt sich nicht nur die Kripo, sondern auch Roland Büby: Haben wir es mit einem Serienkiller mit einem Sehfehler zu tun?

Krimi-Comedy at it's best. Ohnsorg-Theater meets Monty Python, mitten auf Borkum, mitten auf dem Lachmuskel des Lesers.

Tatjana Kruse:
Wie klaut man eine Insel
Leda

8.6.08

Frank Göhre: St. Pauli Nacht

Der St. Pauli-Klassiker von Frank Göhre, erfolgreich verfilmt von Sönke Wortmann, liegt jetzt in einer erweiterten und ergänzten Ausgabe bei Pendragon vor. Ein buntes, melancholisches, manchmal überzogenes und auch sentimentales Sittenbild.

St. Pauli: Zufälle und Schicksale. Ineinander greifende Geschichten von Menschen. So zum Beispiel die des Ex-Knackis Johnny, des Postboten Manfred oder der hübschen Single-Frau Dorit. Sie alle treffen in einer zunächst harmlosen Nacht aufeinander. Einer Nacht, die ihren gewohnten Alltag gewaltig aus den Angeln hebt und nach der nichts mehr ist, wie es vorher war. Auch nicht für Kriminalkommissar Jörg Fedder, der es in einer neu hinzugefügten Story mit einem "Rentner in Rot" zu tun hat. Ein Buch über Menschen, die sich zur falschen Zeit am gleichen Ort befinden. "St. Pauli Nacht" wurde von Sönke Wortmann ("Deutschland. Ein Sommermärchen") verfilmt. Für das Drehbuch wurde Frank Göhre mit dem Deutschen Drehbuchpreis ausgezeichnet. Die beiliegende DVD enthält den Kinofilm von Sönke Wortmann sowie Trailer und Interviews mit den Hauptdarstellern Benno Führmann, Armin Rohde, Heiner Lauterbach, Axel Milberg, Peter Sattmann, Valerie Niehaus und dem Autor.

Short-Cuts aus St. Pauli. Komisch, anrührend, dramatisch. Wie das Leben auf der Amüsiermeile eben die Menschen mit ihren Geschichten zwischen Mitternacht und Morgengrauen durcheinanderwirbelt. Buch und DVD im Doppelpack - für den doppelten Genuss.

Frank Göhre:
St.Pauli Nacht (Erweiterte Neuausgabe)
Roman und DVD mit dem Film von Sönke Wortmann
Pendragon

Frank Göhre: Zappas letzter Hit

Wenn jetzt im Herbst die Nächte länger werden als die Tage, fliegt mich im Krimi-Archiv die Herbst-Depression an. Das ist genau die richtige Stimmung für einen düsteren Kriminalroman. Einer Geschichte von verlorenen, verzweifelten, rast- und ratlosen Menschen, rettungslos verstrickt in ein Verbrechen. Zeit also für ZAPPAS LETZTER HIT, mit dem Frank Göhre jetzt endlich seine seinerzeit höchst erfolgreiche St. Pauli-Trilogie um die Machtkämpfe in der Hamburger Unter- und Oberwelt fortsetzt.

Am frühen Nachmittag eines für Hamburg typisch grauen Novembertages entstieg kurz hinter der Kreuzung Uhlenhorster Weg, Papenhuderstraße eine junge Frau dem (...) Taxi.
Sie wartete, bis der Wagen sich wieder in den fließenden Verkehr eingefädelt hatte, und ging dann in Richtung Mundsburger Damm. Ihr Ziel war das Gourmetrestaurant PAULSEN.

Die Frau, die da im November 2002 aus Zürich kommt, ist Julie Weber, Tochter von Karl "Zappa" Weber, dem berüchtigten Kiez-Killer, der sich und seine Frau vor 12 Jahren erschossen hat. Das Gourmetrestaurant PAULSEN, in dem Julie Weber sich als Küchenchefin bewerben will, gehört Peter "Pit" Gottschalk, Ex-Kripokommissar aus dem legendären FD 65, dem Fachdezernat, das Zappa Weber seinerzeit dingfest gemacht hat. Und nur wenig später steht Kriminalhauptkommissar Jörg Fedder, Gottschalks ehemaliger Kollege aus dem FD 65 in einem Edel-Appartement vor der Leiche einer Frau...

Die Frau lag rücklings auf dem Boden. Allem Anschein nach war sie auf dem glatten Parkett ausgerutscht und gestürzt. Tödlich gestürzt. Volltrunken mit dem Hinterkopf auf die Kante des niedrigen Couchtischs geknallt. Ein Klassiker. (...)
Kriminalhauptkommissar Jörg Fedder kannte die Frau nur zu gut. Angelika Garbers, ehemals Garbers-Altmann. Sie war die Anwältin des St. Pauli Killers gewesen. Karl "Zappa" Weber. Nach seinem spektakulären Abgang war auch sie auf die Titelseiten gerückt. Knallige Headlines: WAS VERSCHWEIGT DIE SCHÖNE BLONDE. 1000 KNACKIS TRÄUMEN VON DER SEX-BOMBE. DIE GEILE GELI. BLOND UND BLIND?

Ist der Tod der Anwältin wirklich nur ein Unfall? Oder sucht da jemand nach Zappa Webers Hinterlassenschaft, seinem Geständnis oder Vermächtnis, das er seiner Anwältin möglicherweise vor seinem Abgang anvertraut hat? Diese Frage scheucht nicht nur Fedder und seine Ex-Kollegen vom FD 65 auf, sondern auch alle anderen, die damals in den Machtkampf um den Kiez verwickelt waren - vom smarten Investor Dennis Smoltschek, der mit seiner geplanten Großdisco HAFENCITY das Amüsierpotentiel der Stadt bereichern will, bis hin zum rechtpopulistischen Innensenator der Freien und Hansestadt:

Er war seit sechs Monaten im Amt.
Er war Senator, Innensenator der Freien und Hansestadt Hamburg. Er hatte es geschafft. Wilm Henning. Taufnahme Wilhelm Heinrich Henning. (...)
Wilm war gerade noch okay. Aber auch von Freunden ließ er sich nur Henning nennen: Wir schicken den Henning ins Rennen, der Henning macht das. Aber hallo!
Er hatte eine Blitzkarriere hingelegt. Jurastudium, medienrecht. Sozius einer alt eingesessenen Kanzlei. Parteiengagement. Ein Paar spektakuläre TV-Auftritte. Sozialdemokratischer Filz. Lasche Justiz. Falsch verstandene Toleranz. Recht stärken, nicht beugen. (...) Schließlich Kandidatur. Spitzenlistenplatz, jawoll!

Machtgier, Korruption, Verbrechen, Mord - das Gespinst aus Abhängigkeiten, Erpressung, Leidenschaft und Sex, das Frank Göhre auf der Topographie Hamburgs entwickelt, ist finsterer als jede denkbare Novemberdepression, ist so düster wie der Soundtrack, mit dem er seinen Roman orchestriert: "Pusherman" von Curtis Mayfield, "Cocaine" von Eric Clapton und dazwischen immer wieder die wehmütigen Gitarren von Fleetwood Mac mit "Albatross".
ZAPPAS LETZTER HIT ist ein Ensemble-Krimi vom Feinsten. Eine komplexe Geschichte, auf die man sich einlassen muss, denn Frank Göhre reduziert seine Erzählung auf die gnadenlose, scharfsichtige Beobachtung seines Personals.

Fedder, der Polizist, fast ausgebrannt, im Dauerclinch mit seiner Ex. Seine früheren Kollegen Pit Gottschalk und Jan Broszinksi, der eine jetzt Edel-Gastronom und Businessmann, der andere ambitionierter Künstler. Lebenswege, die nach den blutigen Kiez-Kämpfen der neunziger, nach Zappas grandiosem Abgang auseinangedriftet sind und die jetzt wieder auf einander zulaufen - unaufhaltsam, tödlich - bei der Suche nach ZAPPAS letztem Hit.

Frank Göhre schreibt dialogstark, collagiert teilweise düsterste biographische Selbstbeschreibungen in den Text. Den ungemein komplexen plot treibt er in gut dosierten Zeitsprüngen voran. Und die Hintergründe des neuen Krieges zwischen Kiez und Rathaus verdichtet er mit immer wieder eingeschobenen Medienberichten.

Damit ist ZAPPAS LETZTER HIT einer der wenigen Kriminalromane hier bei mir im Krimi-Archiv, der sich nicht zurücklehnt ins warme, kuschelige Nacherzählen einer Mordgeschichte. Göhre nimmt uns Leser mit auf die dunkle Seite der Stadt, zeigt uns schonungslos die Abgründe seiner Protagonisten. Er ist ein Autor, der mit seinem Stoff und seinem Stil viel riskiert - und auf der ganzen Linie gewinnt. Denn wer sich auf ZAPPAS LETZTEN HIT einlässt, der wünscht sich seine ganz normale Novemberdepression zurück.
Autor: Reinhard Jahn

Frank Göhre
Zappas letzter Hit
Pendragon Verlag

Annette Berr: Die Stille nach dem Mord

Abends, wenn ich hier im Krimi-Archiv mit einem guten Whisky schmökernd in meinem Lesesessel sitze, dann spüre ich manchmal die Angst durch den Raum schleichen – immer dann, wenn es ein besonders guter Krimi ist, den ich gerade lese. Aber nur selten schaffte es ein Buch, mich wirklich so in Angst zu versetzen wie DIE STILLE NACH DEM MORD von Annette Berr.

Es sollte ein Liebesurlaub werden, zu dem Jana Tschaikowskij mit ihrer neuen Freundin Frike ins Kremsiner Land aufgebrochen ist. Es ist März, noch liegt der Winter über der Gegend, das Wetter ist unbeständig und die anderen Ferienhäuser in der gottverlassenen Siedlung stehen leer. Einsamkeit pur, nicht einmal Handyempfang gibt es. Genau das richtige für die beiden Frauen, die nur mit sich sein wollen - bis Jana hohes Fieber bekommt und Frike sich mitten in der Nacht auf den Weg macht zu einem der Bauernhöfe in der Nachbarschaft, um einen Arzt für ihre Freundin zu rufen. Die Landstraße führt den durch Wald, es schneit, man kann kaum die Hand vor Augen sehen, und gerade als Frike sich fragt, ob sie überhaupt die richtige Richtung eingeschlagen hat, taucht ein Wagen auf...

Der Fahrer versuchte auszuweichen. Frike ließ sich nach rechts fallen - den Bruchteil einer Sekunde zu spät.

Aber Glück im Unglück - Frike ist nichts passiert und der Autofahrer bietet ihr sogar an, sie in den nächsten Ort mitzunehmen. Und kaum habe ich gedacht: "Steig da bloß nicht ein!", da sitzt Frike schon im Wagen.

Aus den Augenwinkeln registrierte sie, dass der Sitz mit einer Schutzhülle aus durchsichtigem Kunststoff überzogen war. Wie praktisch, dachte sie, da kann ich gar nichts schmutzig machen (...) Ihr Blick blieb an etwas hängen, das auf der Ablage der Fahrerseite lag. Sofort war ihr klar, um was es sich dabei handelte, denn sie selbst besaß Dutzende dieser Dinger. Es waren zwei dünne, milchig-durchsichtige Handschuhe aus Vinyl.

Kein Zweifel, Annette Berr hat einen sicheren Instinkt für Spannung, ein Gefühl für Dramaturgie, das sie auf fast keiner der 444 Seiten ihres tiefschwarzen Thrillers verlässt. Sie hat auch ein Gefühl für die Menschen, hier draußen in der Gegend um Kremsin, irgendwo in Brandenburg. Einer Gegend mit weit verstreuten, einsam gelegenen Bauernhöfen, in der das letzte große Verbrechen, über das der Kremsiner Landanzeiger berichtet hat, die Brandstiftung in einer Schweinemästerei war.

Das alles ist Neuland für eine Stadtpflanze wie Jana Tschaikowskij, fremdes Terrain voller Fallen und Fußanageln. Kaum genesen meldet sie ihre Freundin vermisst und findet erst einmal Unterschlupf auf dem Bauernhof der Famulie Schuldt. "Geh da nicht hin!" denkt man, weil gerade zuvor noch von Tierverstümmelungen die Rede war, die es dort in der Nachbarschaft gegeben hat, da hält das Schicksal auch schon die nächste dramatsiche Wendung für Jana bereit: eine Frauenleiche wird gefunden und Jana sucht den ermittelnden Kommissar Rettweiler in der Kreisstadt auf, um Gewissheit zu bekommen.

"Aber ich will sie identifizieren."
"Was wollen Sie denn identifizieren?", fragte er eine Spur zu laut. "Der Leichnam hat ja nicht mal einen Kopf!"
Sie zuckte zusammen. Dann jedoch sagte sie, ebenso laut: "Aber der Leichnam wird ja wohl noch einen Körper haben!" Sie konnte ihre Gefühle kaum noch kontrollieren.
Er funkelte sie an. Dann schüttelte er wortlos einige Fotos aus einem A4-Umschlag auf den Schreibtisch.
Sie starrte auf die Bilder.
Momente verstrichen.
Ein winziger Laut der Qual.
Kaum merklich nickte sie.
"Es tut mir leid, Frau Tschaikowskij. Es tut mir so leid."

Frike ist also tot, und ihr Tod hält Jana fest im gottverlassenen Kremsiner Land. Sie will Aufklärung, und die kann sie nur bei den Menschen hier finden. Bei der Familie Schuldt etwa, den wortkargen Bauern, deren Sohn Ole beim Kremsiner Landanzeiger als Readaktionspraktikant arbeitet und in dem sie einen Bruder im Geiste erkennt: Ole liebt Männer, so wie Jana Frauen liebt. Das bleibt nicht das einzige Geheimnis, dem ich als Leser gemeinsam mit Jana Tschaikowskij in diesem opulenten Thriller auf die Spur gekommen bin. Denn Annette Berr erzählt nicht nur die Geschichte des Mordes an Frike, sie erzählt auch Geschichten über die verschiedenen Arten von Liebe und Sexualität, die es hier draußen im Kremsiner Land gibt. Sie tut das teilweise deutlich, sehr deutlich, aber das war es nicht, was mich bei DIE STILLE NACH DEM MORD die Angst hat spüren lassen. Es war auch nicht das schreckliche Verbrechen, dem Janas Freundin zum Opfer gefallen ist, sondern es war Annettes Berrs klarer Blick auf die Menschen, ihre Leidenschaften und Obsessionen, ein Blick, der mich tief in den Abgrund der Liebe hat schauen lassen.
Autor: Reinhard Jahn

Annette Berr
Die Stille nach dem Mord
konkursbuch Verlag Claudia Gehrke

7.6.08

Gert Anhalt:Tote mögen keine Sushi

Will man eigentlich wissen, wie es klingt, wenn ein Japaner sich als Folk-Sänger versucht?
Doch, man will, denn Hamada Ken, der Held in den beiden Romamenen von Gert Anhalt, ist eine Mischung aus Pechvogel und Stehaufmännchen, die man einfach lieben muss. Stoisch, zielbewusst, ziemlich von sich selbst eingenommen und zugkleich mit einem gehörigen Schuss Selbstironie ausgestattet stellt er sich jedem Fall, mit dem man ihn beauftragt.

Detektiv Hamada Ken (Ken, wie der Freund von Barbie) ist der coolste Privatdetektiv von Tokio. Denkt er. Eigentlich ist er aber nur arm dran mit dem notdürftigen Büro am Rand des Einkaufszentrum, wo er nur einen heimlich gelegten Nebentelefonanschluss hat und auf Klienten wartet. Wobei man sich - und auch Hamada sich selbst - fragt, wozu Japaner überhaupt einen Privatdetektiv brauchen sollten - sie haben doch gar kein Privatleben.

Dementsprechend die Hamadas Aufträge meist auch kleine Aufträge. Eine Katze suchen. Nachschauen, wo man ein bestimmtes Buch findet. Jemandem eine Botschaft überbringen. Wie gesagt - großen Bedarf an Privatdetektiven haben die Japaner nicht.

Bis dann doch eines Tages der große Auftrag ins Haus schneit: Hamada soll für einen Industrieboss einen Job in Deutschland erledigen, genauer in FRANKOFUROTO, besser bekannt als "Frankfurt". Hamada ist der perfekte Mann für den Job, denn er kann perfekt Deutsch (denkt er), weil er während seines Studiums eine deutsche Freundin hatte, die ihn nebenbei nichts nur isn Deutsche sondern auch in die Liebe eingewiesen hat.

In Frankfurt soll Hamada eine Lösegeldübergabe arrangieren: das Kind des Leiters der deutschen Niederlassung des Konzerns ist angeblich entführt, die Sache soll diskret geregelt werden.

Von wegen diskret. Kaum hat Hamada Kontakt mit dem Vater des Kinder aufgenommne, mischt man ihm etwas ins Essen, er verliert das Bewusstsein und als er aufwacht liegt er im Park neben einem blutverschmieretn Toten - mit einem Samuraischwert in der Hand. Und es vergehen nur Sekunden, bis ein Rentern mit Hund die grauenhafte Szene entdeckt.
Seitdem ist Hamada auf der Flucht.
In Deutschland.
Aber zum Glück kann er perfekt Deustch.
Aber leider kein Hessisch.

Für eine Handvoll Yen -
- will Hamada Ken sein Leben ändern - nicht mehr Detektiv sein, sondern Folk-Sänger - mit Gitarre und Mundharmonika, wie Bob Dylan oder Neil Young. Selbstverständlich kann Hamada ebenso gut Folk-Singen wie er deutsch kann.

Doch da erreicht der Anruf einer Nenn-Tante, die sich ins einer Kindheit sehr um ihn gekümmert hat - die arme, alte Frau bittet ihn, sich um ihrne Enkel zu sorgen, ein Kleinkind. Und ehe sie noch wietere Erklärungen abgeben kann, muss Hama das Kind auch schon vor dem Entführungsversuch einiger finsterer Gestalten retten.
Damit hat er dne Kleinen am Hals (oder am Bein), die Folksänger-Karriere liegt erst einmal auf Eis und sein Leben ist in Gefahr.

Gert Anhalt:
-Tote mögen keine Sushi
-Für eine Handvoll Yen
Knaur

6.6.08

Oliver Bottini: Mord im Zeichen des Zen

Kommissarin Louise Boni, von der Kripo Freiburg, Alkoholikerin, traumatisiert von ihrem letzten Einsatz, spürt der Spur des japanischen Mönches nach, der durch den Schnee über die Dörfer wandert.
Was für ein Geheimnis trägt er mit sich herum?
Braucht er Hilfe? Ist er auf der Flucht?
Wer sind die Personen, die ihn zu verfolgen scheinen?

Dann kommt Louises Kollege bei dem Einsatz um, ein zweiter wird schwer verletzt. Die Spur führt zu einem Kanzan, einem Kloster im französischen Mulhouse. Was hat den Mönch von dort vertrieben? Er war, wie Louise herausfindet, einem Handel mit asiatischen Kindern auf die Spur gekommen, der von einer vermeintlich humanitären Organisation über das Kloster abegwickelt wurde.

Ein sehr atmosphärischer Krimi, bei dem es gar nicht so sehr um die Verrätselung irgendeines Verbrechens geht, sondern um die Menschen, von denen erzählt wird. Allen voran Kommissarin Boni - bei der man sich fragt, ob jemand mit so viel Problemen überhaupt im Polizeidienst arbeiten sollte.
Und tatsächlich fragt sich das Louise Boni auch manchmal selbst. Wenn sie von ihrem Vorgesetzten abgeschoben wird, wenn sie versucht, ihr zerrütetes Verhältnis zu ihrer Mutter wieder zu kitten oder wenn sich sich Hals über Kopf, und natürlich unglücklich und unerfüllt in einen Zeugen, den Übersetzer und Zen-Experten Robert Landen, verliebt.

Oliver Bottini:
Mord im Zeichen des Zen
Scherz

Wolfgang Brenner: Bollinger und die Friseuse

Ich habe hier im Krimi-Archiv zwar jede Menge Bücher - aber keine Landkarten. Also kann ich nicht nachschauen,ob es dieses Schauren wirklich gibt, in das Wolfgang Brenner seinen Kommissar Felix Bollinger schickt. Schauren - das könnte nach "beschaulich" klingen, aber erinnert es nicht auch ein bisschen an "schaurig"? Das jedenfalls denkt Kommissar Bollinger, als er seinen Dienst als Polizeichef in der lothringischen Kleinstadt antritt, die irgendwo im Niemandsland zwischen Saarbrücken und Metz liegt:

"Die Hauptstraße von Schauren war gesperrt. Ich stieg aus und schaute mich um. Kein Mensch zu sehen. Der einzige Weg, der von der Hauptstraße aus zum Polizeirevier führte, war eine Einbahnstraße. Ich musste umkehren. Schließlich repräsentierte ich seit acht Uhr früh den Staat und die Ordnung in Schauren. Ich war spät dran.

Schauren ist ein Grenzfall, eine Grenzstadt - halb deutsch, halb französisch. Auf der französischen Seite geduckte Häuser mit verwahrlosten Vorgärten; auf der deutschen Seite große Häuser mit Geranien in ordentlichen Beeten. Man lebt für sich - ohne nennenswerte Industrie, und, nachdem das französische Militär seinen Horchposten in Grenznähe aufgegeben hat, auch ohne weitere Bedeutung. Polizei? Fehlanzeige - der Polizeiposten wird von den Sergeanten Alain Miller und Louis Strasser verwaltet, ohne Chef und mit französischer Lässigkeit. Kein Problem, denn Verbrechen scheint es in Schauren nicht zu geben. Bis Felix Bollinger kommt.

Schauren galt als ein Musterrevier - nur aufgrund der Statistiken und der wolkigen Berichte. (...) Ein aus München angereister Polizeipsychologe (..) hielt einmal an der Höheren Polizeischule in Saarbrücken einen Vortrag, in dem er auch auf das Schaurener Modell zu sprechen kam. Er versuchte anhand der Erfolge in der Grenzgemeinde zu belegen, dass Polizeiarbeit am besten dezentral und in enger Kooperation mit der Bevölkerung funktionierte. Dass die "Prävention durch Menschlichkeit" den größten Erfolg versprach - so nannte er das. Prévention par l'humanité hieß es auch in Metz.

Soweit die Theorie. In der Praxis wird das Modell Schauren für den in die Etappe weggelobten Kommissar Felix Bollinger zu einem Tripp ins Schattenreich kleinstädtischer Geheimnisse, alter Geschichten und verdrängter Affären. Denn Felix Bollinger fragt da nach, wo sich alle in Schauren aufs Schweigen und Verschweigen verständigt haben. Dabei ist es nicht einmal polizeiliche sondern zunächst nur rein menschliche Neugier, aus der er sich für die Geschichte von Lydia interessiert, der Friseuse, die scheinbar alle Männer in Schauren mit ihrer unschuldigen Weiblichkeit verzaubert hat. Ist ihr Sohn nun das Kind ihres ehemaligen Lehrherrn - der vor Jahren ihretwegen Ruf und Existenz ruiniert hat? Oder steckt eine wesentlich dunklere Familiengeschichte dahinter, eine Geschichte, die mit ihrem Vater, dem eigenbrötlerischen Säufer Lucas aus dem gottverlassenen Nachbarort zu tun hat? Wolfgang Brenner erzählt seinen sanften Krimi als ein Mosaik aus Menschengeschichten. Als Geschichten des Zusammenlebens im Grenzgebiet Schauren, als Geschichte der dauernden Arrangements: zwischen Deutschen und Franzosen, zwischen Männern und Frauen und zwischen der Kleinstadt und der großen Welt. Der Störenfried ist Bollinger, der mit seiner Neugier das sorgfältig austarierte Gleichgewicht von Wissen und Schweigen stört. Aber ehe Felix Bollinger sich mit Schauren arrangieren kann, stirbt der Vater der schönen Friseuse unter dubiosen Umständen und Bollinger muss sich in seinem höchst persönlichen Grenzgebiet zwischen Mensch und Polizist entscheiden, auf welcher Seite er steht:

Jetzt war zu den alten Geschichten auch noch ein Mord dazugekommen. Ein Offizialdelikt. Ausgerechnet in Schauren - dort, wo seit Jahren kein Verbrechen mehr geschehen war. In dem Musterrevier der Vorzeigepolizisten Strasser und Miller. (...) Höchste Zeit, dass ich das Ruder herumwarf und die Sache in die Hand nahm.

Für Bollinger leichter gesagt als getan - aber für mich sehr angenehm zu lesen: wie Wolfgang Brenner mit leichter Hand einen spannenden Krimi aus der Region erzählt - und dabei die meisten selbsternannten Regionalkrimis weit hinter sich lässt. Weil er seine Sache ernst nimmt und sich nicht mit den naheliegenden Krimi-Klischees arrangiert.
Autor: Reinhard Jahn

Wolfgang Brenner
Bollinger und die Friseuse
dtv

5.6.08

Rick DeMarinis: Kaputt in El Paso

Uriah Walkinghorse ist auf der Flucht. Vor seiner Ex-Frau und ihrem Anwlat, die ich mit ihren Unterhaltsforderungen jagen, vor seiner Familie - einem schwarzen Erweckungsprediger, der seine zwei Handvoll Pflegekinder mit biblischen Namen ins Leben geschickt hat. Und zuletzt natürlich auch vor dem leben.
Uriah Walkinghorse ist als Hausmeister und Mädchen für alles in einem heruntergekommenen Appartementkomplex in El Paso gelandet. Das, was er an Klarriere gemacht hat - er war Mister West Texas der Bodybuilder - hat er längst hinter sich gelassen.
In einem Wort: Uriah hat die Krise. Die Midlife-Krise.

Es muss einfach was passieren. Da ist diese Frau, mit der Uriah in der Bar anbandelt. Ihr Mann kommt dazu. Die beiden mahen Uriah ein Angebot -ob er nicht als Henker ausgelfen kann. Denn die Dame bereitb ein Domina-Studio und für das "Spezialprogramm" für einen "speziellen Gast" braucht sie einen maskierten Henker.
Ein Job, der Uruah zwra nicht erfüllt, aber der wenigstesn Abwechslung bietet. Bis dann die Domina eines Tages in echte Schwierigkeiten gerät.Ihr spezieller Kunde hat bei der Behandlung das Zeitlich gesegner und jetzt soll die leiche zurück ins heimische Ehebett. Natürlich im Einverständnis mit der Witwe des Toten, eines einflussreichen Bankmanager in El Paso. Und die Witwe verguckt sich Uriah. Undd amit ist Uriah in Schwierigkeiten.

So konsequent und absurd wie das Leben! Eine Story, die unter ihrer farbenfrohen Oberfläche die dunklen Seiten der Menschen - nicht nur in El Paso zeigt. Uriah Walkinghorse aufs einem Irrweg durch Leben zu verfolgen ist komsich und tragsich - aber vor allem zutiefst sympathisch.

Rick DeMarinis
Kaputt in El Paso
Maas Verlag PULPMASTER

4.6.08

Volker Kutscher: Der nasse Fisch

Ein historischer Krimi aus dem Berlin des Jahres 1929 - die Haupstadt ist die Metropole Deutschlands, Brennpunkt der sozialen und gesellschaftlichen Konflikte, Amüsierzentrum der Goldenen Zwanziger Jahre. All das lebt, existiert, pulsiert hier neben- und miteinandner in diesem opulenten Roman von Volker Kutscher.

Im Mittelpunkt steht Gereon Rath, ein aus Köln abgeschobener Kripokommissar, der im Berliner Präsidium am Alex jetzt bei der Sitte Dienst tut. Mit seinen Kollegen durchstreift er das Rotlicht- und Halbwelt-Milieu des Scheunenviertels, die Kellerbars, die Jazzclubs, stöbert obskures und pikantes auf, das in den Kabaretts und auf den Unterhaltsbühnen präsentiert wird.
Aber ein seltsamer Todesfall, ein Mord, weckt Raths besonderes Interesse: Ein Russe wird, gefesselt am Lenkrad eines teuren Wagens, aus dem Kanal gezogen. Dem Mann wurden sämtliche Knochen gebrochen, er war bereits tot, gefoltert, als man ihn im Wagen festband. Ein Mordfall für die Mordkommission, die unter der Leitung des legendären Berliner Kripochefs Ernst Gennat steht, und zu der Gereon Rath eigentlich gern abkommandiert werden möhcte. Zumal er sich in die hübsche Kollegin "Charly" verliebt, die dort arbeitet.

Die Spur des toten Russen führt bald zu einer russischen Sängerin aus einer der zahllosen Revuen, die in Berlin laufen - und die Hinweise verdichten sich, dass hier verschiedene Gruppen auf der Jagd nach einem Schatz sind, der aus Russland herübergeschmuggelt wurden: dem SOROKIN-GOLD.

Opulent, dicht und prall. Abenteuerlich und romantisch. "Der nasse Fisch" ist ein wundervolles Leseabenteuer und ein toller Kriminalroman.

Volker Kutscher
Der nasse Fisch
Kiepenheuer & Witsch
Hardcover

2.6.08

Andreas Hoppert: Menschenraub

Tatort Bielefeld. Daniale Schwalenberg, Teenager-Tochter des Industrielllen Schwalenberg, ist gekidnappt worden. Ein klassisches Kidnapping - jedenfalls im Verständnis der leitenden Kriminaldirektorin Helen Baum, die die Soko Daniela leitet. Sher zum Missfallen ihres altgedienten Untergebenen, Kommissar Remmert, der die Baum für die falsche Frau am falschen Platz hält

Während sich das Kidnapping sich mit drohenden Erpressebotschaften, Anweisungen für Lösegeldübergaben und fehlgeschlagenen Polizeitricks geradezu klassisch entwickelt, muss sich der abgestürzte Anwalt Marc Hagen, den Andreas Hoppert in seinen bisherigen Romanen schon durch eine Menge sonderbarer Kriminalfälle und abgründige Lebensituationen geschleust hat, mit dem absurden Anliegen eines Klienten befassen: Peter Schlüter hat nach dem Tod seines beim Kramen auf dem Dachboden des geerbten Hauses eine Frauenleiche entdekt. Nicht mehr ganz frisch und ohne Hinweise auf die Identität. Jetzt möchte Schlüter erst einmal wissen, wer die Tote ist, ehe er zur die Sache der Polizei meldet. Marc Hagen begreift schon bald, warum der Erbe erst einmal klar sehen möchte: Schlüters Vater war ein angesehener Lehrer, allerdings mit einer Schwäche für Schülerinnen des Abiturjahrganges. Sollte der Pädagoge sich vor langer Zeit einmal schuldig gemacht haben?

Lange scheinen das Kidnapping der Schwalenberg-Tochter und Marc Hagens Stochern in der Vergangenheit von Schlüter senior nichts miteinander zu tun zu haben - bis der Anwalt unversehens in die Rolle des Lösegeldboten im Schwalenberg-Fall stolpert. Und von da an überschlagen sich die Ereignisse bis zur wirklich verblüffenden Auflösung der Doppelstory, die eigentlich gar keine ist. Aber jeder Hinweis darauf, wie Andreas Hoppert sein Plot am Ende auflöst, würde einem nur das Vergnügen und die Überraschung an diesem Roman nehmen, der gar nicht so konventionell ist, wie er sich scheinbar über lange Strecken entwickelt.

Andreas Hoppert:
Menschenraub
grafit 340

Christa Bernuth: Innere Sicherheit

Die Ostseeküste bei Rügen, nicht heute, sondern Mitte der 80er Jahre. Das heißt: wie befinden uns auf dem Territorium der DDR. An Land gespült worden ist die Leiche einer jungen Frau. Unter den gegebenen Umstädnen scheint da der Verdacht naheliegend: Gescheiterter Versuch der Republikflucht über die Ostsee. Das denkt zunächst auch der Abschnittsbevollmächtigte MARTIN BECK, der zuerst mit den Ermittlungen befasst ist, sie dann dann jedoch ziemlich schnell wieder entzogen bekommt - von den zuständigen Stellen, wie es zu DDR-Zeiten so schön heißt...

Nun ist Martin Beck zwar ein ordentlicher DDR-Bürger - sonst wäre er nicht Abschnittsbevollmöächtigter geworden - aber der Fall Hanna Schön strapaziert seine Loyalität zum sozialistischen Staat erheblich. Denn es bleiben viel zu viele Fragen offen: Wieso hat die Tote eine Kugel im Kopf? Die noch dazu ganz offensichtlich ein Westkaliber ist. Und was hat es mit dem ganz offensichtlich vorgetäuschten Selbstmord von Hanna Schöns Ehemann bald nach dem Tod seiner Frau auf sich?

Beck beginnt mit diskreten Nachforschungen und stößt auf noch mehr Ungereitmtheiten: Dass es diese Hanna Schön eigentlich gar nicht gab - es ist eine Tarnexistenz, unter der die junge Frau lebte. Der einzige, dem Martin sich mit seinen wachsenden Zweifeln an seinem Staats anvertrauen kann, ist sein väterlicher Freund, der pensionierte General, der mehr zu wissen scheint, als er Martin gegenüber zugibt. Also forscht der kleine Polizist weiter und stößt auf eines der damals größten Geheimniss der deutsch-deutschen Geschichte: dass nämlich westdeutsche RAF-Terroristen in der DDR (und bei der der Stasi) Unterschlupf gefunden haben. Doch das ist nur der Anfang eines Fadens, den Beck in der Hand hält und der am Ende zu einem weit größeren Komplott führt.

Spannend, dicht und authentisch: Christa Bernuth taucht mit ihrem Detektiv- und Polit-Thriller tief ein in die jüngste deutsche Zeitgeschichte.

Christa Bernuth:
Innere Sicherheit
Piper