30.3.08

Jan Zweyer: Franzosenliebchen

Spannendes Stück Reviergeschichte
Jan Zweyers historischer Krimi "Franzosenliebchen"

Das Ruhrgebiet, 1923. Das französische Militär hat das Revier besetzt - wegen ausstehender Reparationszahlungen aus dem Versailler Vertrag. Frankreichs Regierung will mit Material und Kohle die "Kriegsschulden" des besiegten Reiches begleichen.
In Herne wird Agnes Treppmann, Dienstmädchen bei einem alt eingesessenen Kaufmann, nachts auf ihrem Heimweg erwürgt. Wer als Täter in Frage kommt, ist für die Herner schnell klar - in der Nähe des Tatorts wurde ein französisches Armeekoppel gefunden. Was liegt also näher, als die Tat der Besatzungsmacht in die Schuhe zu schieben? Das Verfahren des französischen Militärgerichts gegen zwei verdächtige Soldaten ist knapp und endet mit einem Freispruch.
Im Berliner Polizeipräsidium möchte man Klarheit über die Vorgänge und schickt deshalb den Kommissar Peter Goldstein nach Herne: undercover, denn die Franzosen würden eine "offizielle" deutsche Untersuchung des Mordes nicht dulden.
Vor Ort gerät Goldstein zwischen die Besatzer und die deutschen Widerstandskämpfer - Sozialisten, Kommunisten und Nationalisten - und findet rasch die ersten Hinweise auf den Mörder des Dienstmädchens.
Jan Zweyer - mit seiner Serie um den Herner Rechtsanwalt Rainer Esch bereits ausgewiesener Krimi-Experte, folgt mit dem "Franzosenliebchen" dem Trend zum historischen Krimi. Sein Roman ist ein zeitgeschichtlich gut geschilderter Krimi aus einer fast in Vergessenheit geratenen Phase der Revier-Geschichte. Dazu gibt es viel Lokalkolorit - und das macht die Mischung zum richtigen Lesevergnügen.

Jan Zweyer
Franzosenliebchen
Grafit-Verlag
348 Seiten

8.3.08

Gianrico Carofiglio: In freiem Fall

Im Krimi-Archiv herrscht Ordnung. Aber mit dem neuen Roman von Gianrico Carofiglio habe ich ein Problem. Ich weiß nicht, in welches Regal ich ihn einordnen soll. Gehört IN FREIEM FALL jetzt gleich neben die Anwalts-Romane von Erle Stanley Gardner bis John Grisham? Oder doch eher in die italienische Ecke?

Denn Guido Guerrieri, Held und Erzähler von Gianrico Carafiglios zweitem auf deutsch erschienenen Krimi, ist Anwalt in Bari, in Apulien. Kein strahlender Perry Mason, sondern ein Feld- Wald- und Wiesen-Verteidiger für kleine und mittlere Gauner. Kein Held des großen Schlußplädoyers, eher einer, der seine Klienten möglichst glatt durch das Dickicht juristischer Verfahrensfragen schleusen will. Und zu allem Übel ein Mann mitten in der Midlifecrisis: seine Frau hat ihn verlassen und was aus der lockeren neuen Beziehung zu seiner Nachbarin Margherita werden wird, weiß er nicht. Aber er beginnt, sich wieder einzurichten in seinem Leben als Forty-Something, fängt wieder an zu boxen, um seine Angstzustände in den Griff bekommen. Also alles halbwegs im grünen Bereich bei Guido. Bis er sich einmal genau im Spiegel ansieht:

Ich betrachtete die Stelle noch einmal genauer. Ja, da waren tatsächlich zwei ganz leichte Schwellungen, genau zwischen Unterlid und Wangenknochen. Tränensäcke, dachte ich wortwörtlich. Scheiße.

Ja, so sieht es aus, das Alter. Ob das also schon alles gewesen ist im Leben?

Versuchsweise zog ich den Fetzen Haut, der so gar nicht mir zu gehören schien, mit dem Finger ein wenig nach unten. Er war nicht elastisch. Er war schlaff wie ein Stück ausgeleierten Gewebes.

Was macht man da? Immer und immer wieder die alten Lou Reed-Platten anhören? Oder versuchen, es sich noch einmal zu beweisen: Dass man ein klasse Anwalt ist. Einer von den Guten, der sich für die SACHE einsetzt und nicht nur fürs Honorar. Einer, der sich etwa für Martina Fumai engagiert im Prozeß gegen ihren Ex-Liebhaber Gianluca Scianatico. Der ist wegen Verfolgung, Bedrängung und Nötigung - sprich: wegen Stalking - seiner Ex-Verlobten angeklagt. Normalerweise ist die Nebenklage in diesem Fall kein Mandat, dessentwegen Guido auch nur eine einzige schlaflose Nacht verbringen würde. Wäre Gianluca nicht ein angesehenes Mitglied der besseren Gesellschaft in Bari und dazu noch Sohn von Richter Scianatico, Vorsitzender des Berufungsgerichts.

Sich mit ihm anzulegen, war so ungefähr das Dümmste, was einem einfallen konnte, wenn man - wie ich - Strafverteidiger in Bari war. (..)
"Kompliment, Guerrieri", sagte ich laut vor mich hin, wie ich es schon als Kind getan hatte, wenn der Lärm der Gedanken in meinem Kopf allzu heftig wurde. "Da hast dir wieder mal was Schönes eingebrockt. Die schicksalhafte Schwelle der vierzig hast du überschritten. Aber dein Talent, dich in Schwierigkeiten aller Art und Größenordnung zu manövrieren, ist ungebrochen. Bravo."

Schwierigkeiten vor allem mit sich selbst, Schwierigkeiten, die Bilanz in der Mitte des Lebens zu ziehen. Was ist aus den Träumen des Jurastudenten Guido geworden, aus den alten Freunden? Hat sich das alles gelohnt? Und: wo steht er jetzt, kann er damit zufrieden sein, dass er nicht der große Starverteidiger ist, sondern nur ein kleiner Advokat mit halbseidener Klientel? Das ist die große Stärke von Gianrico Carofiglios Roman - uns zu erzählen, wie Guido im Lauf des Gerichtsverfahrens mit seinen Problemen zurechtkommt und wie er seine Selbstachtung wiedererlangt, trotz aller Selbstzweifel und Rückschläge.

Ich dachte an das Altwerden, fragte mich, ob ich wohl merken würde, wenn ich so weit war. Ich dachte, dass ich eine Wahnsinnsangst davor hatte. Ich fragte mich, ob ich mit siebzig - sofern ich dieses Alter je erreichte - noch in der Lage sein würde, mich zu wehren, wenn mich auf der Straße jemand überfiel. Ein idiotischer Gedanke, ich weiß. Aber ich dachte genau das, und mir wurde ganz übel vor lauter Angst.

Ein Anwaltsroman der ganz besonderen Sorte also - mit einer auf Sparflamme gehaltenen, aber trotzdem berührenden Prozessgeschichte, die ganz ohne große Plädoyers auskommt. Eine Geschichte, die vom melancholischem Charme ihres Helden lebt, von Guidos sanftem Humor und nicht zuletzt von seiner Leidenschaft für Filme der siebziger Jahre und alte Lou Reed Platten. Und ich denke, damit ist auch mein Problem gelöst, wohin IN FREIEM FALL hier im Krimi-Archiv gehört: In das Regal mit den Krimis für die Generation Vierzig plus.
Autor: Reinhard Jahn

Gianrico Carofiglio
In freiem Fall
Deutsch von Claudia Schmitt
Goldmann Hardcover

5.3.08

Robert Finn: Tribut

Ein wertvolles chinesisches Amulett wird gestohlen.
Mystery-Thriller in der Dan-Brown-Schule

London, nachts. Ein Lieferwagen parkt vor einem Bürogebäude, drei Männer steigen aus und es beginnt ein perfekt getimter Einbruch in die Büroräume eines internationalen Unternehmens. Wachen werden ausgeschaltet und Alarmanlagen lahmgelegt bis die Eindringlinge schließlich im Büro des Vorstandsvorsitzenden vor dem Safe stehen.
Und dann scheint alles schief zu gehen - zwei der Einbrecher werden erschossen, der dritte entkommt - allerdings auf einem Weg, auf dem kein normaler Mensch entkommen könnte: mit einem Sprung aus dem Fenster in ungeheurer Höhe.

Um die Morde kümmert sich die Polizei, um den wertvollen Gegenstand, der gestohlen wurde, kümmert sich David Braun, Versicherungsdetektiv. Es geht um ein chinesisches Amulett, dem einige Menschen offenbar magische Kräfte zusprechen.

Und wie in den meisten dieser Geschichten gesellt sich eine tapfere Helferin an die Seite unseres Helden: Susan Milton, amerikanische Wissenschaftlerin, ist zu Forschungen ein einem mysteriösen Nachlass in London und stößt auf David Lord, als dieser mehr Informationen über das gestohlene Amulett braucht.
Und ehe die beiden sich versehen, sind Sie ins Fadenkreuz eines geheimnisvollen Organisation geraten, die offenbar alles daran setzt, das Geheimnis des Amuletts nicht an die Öffentlichkeit kommen zu lassen.

Temporeiches Thriller- und Mystery-Abenteuer.

Robert Finn:
Tribut
dtv

Henner Kotte: Titelhelden

Nicht nur Kriminelle zieht es an ihre Tatorte zurück, auch ich vom Krimi-Archiv schaue schon mal nach, was es neues von Autoren gibt, über die ich einmal geschrieben habe und wie sie ihre Geschichten weiterentwickelt haben. Deswegen geht es heute zurück in den deutschen Osten, zurück zu Henner Kotte, dessen Krimi "Abriss Leipzig" ich vor ein paar Monaten hier vorgestellt habe. In seinem aktuellen Roman "Titelhelden" traf ich sie alle wieder, die Männer und Frauen der MORD ZWO der Leipziger Kripo: die Kommissare Lars Kohlund und Thorst Schmitt und ihre Kollegin Agnes Schabowski, samt Sekretärin Manuela Hoffmann und ihrem geschmeidigen Chef Miersch. Aber im Mittelpunkt steht natürlich auch diesmal wieder Leipzig - manchmal mit spitzer Ironie, aber meist mit tiefer Liebe zur Heimat gezeichneter Lebensraum irgendwo zwischen sozialistischer Stadtruine und Boomtown Ost.

Diesmal nähert sich Henner Kotte der Stadt und dem neuen Fall der MORD ZWO vom Rand - von einer Ausfallstraße her, an der die Tankstelle von Bernd Kretschmann liegt.

Kurz nach halb sieben morgens war der Anruf erfolgt. Eine aufgeregte Frauenstimme meldete: Mord. Der Chef ist tot. Bernd Kretschmann ist erschossen worden. Die Kollegen des Reviers Nord waren innerhalb von Minuten vor Ort, sie hatten es bis dorthin keine zweihundert Meter. Sie gaben die Meldung sofort weiter: Leiche. Männlich. Alter 60, 55, eher älter. Nach Aussagen der Angestellten und Familienangehörigen: Bernd Kretschmann. Tankstellenbetreiber. Der Tote sitzt hinterm Steuer eines Wagens. VW. Metallicgrün. (...) Alles voller Blut. Die Rettung konnte nichts machen. Zeugen haben drei Schüsse gehört. Bitten um sofortiges Erscheinen der Mordkommission.

Als vielseitig interessierter Staats- und Stadtbürger weiß Kommissar Kohlund natürlich sofort, dass Bernd Kretschmann nicht nur irgendein Tankstellenbesitzer war, sondern auch Kandidat der Rechtspopulisten bei den Kommunalwahlen. Einer, der die "Deutschland den Deutschen"-Ideologie seiner Partei auch für den Mittelstand akzeptabel machte, schließlich hat er in seinem "Team Kretschmann" Arbeitsplätze geschaffen, natürlich "nur für Deutsche".
Wenn so einer brutal erschossen wird, liegt es schon nahe, den Täter im entgegensetzten politischen Lager zu vermuten. Etwa bei einer der antifaschistischen Gruppen wie der, in der Kommissar Kohlunds Sohn sich umtut. Da wird die Mordermittlung streckenweise zur Familiensache. Genau wie bei Kohlunds Kollegen Thorst Schmitt. Der wird beim ersten Verhör der Kassiererin des "Team Kretschmann" vollkommen aus der Bahn geworfen.

"Ich bin von der Kriminalpolizei. Ich hätte gern von Ihnen gewusst, was Sie beobachtet haben. (...) Ihr Name?"
"Bitte?"
"Wie Sie heißen!"
"Zehn Jahre sind schon eine lange Zeit, wenn man einander nicht sieht, wenn der Vater die Familie verlässt, zahlt und ihm alles andre egal ist. Ich heiße Annika, Annika Schmitt. Ich bin deine Tochter oder bestehen Sie auf dem Sie, Herr Polizist?"

Zum Familiendrama wird das Schicksal der Familie Kretschmann - nämlich zur auflagenträchtigen Titelstory der Lokalpresse. Dort strickt Skandalreporter Joseph Hönig, ein alter Bekannter bei den Ermittlern der MORD ZWO, an der herzergreifenden Story von der tapferen Witwe des Mordopfers:
Sprecher:
"Änne K. sieht man den Schock an. Sie kann es nicht fassen. Mitten aus dem Leben hat man ihr den Gatten weggenommen. Sie hatten Pläne. Nun muss sie allein das TEAM KRETSCHMANN weiterführen. "Ich werde es schaffen", sagt sie. Eine starke Frau!" (S 97)

Und weil eine gute Story auch immer ein Feindbild braucht, schießt sich der Journalist zielsicher auf Kommissar Kohlund und seine Kollegen ein:

"Die ersten Pannen bei der Ermittlung geschahen am Tatort. Ein wichtiger Zeuge konnte fliehen. Angestellte wurden bedrängt. Aussagen nicht aufgezeichnet. (...) Für unsere Fragen stand die Polizei nicht zur Verfügung. (...) Haben Bernd Kretschmanns politische Gegner ihrem Hass und der Gewalt freien Lauf gelassen?"

Die privaten Verstrickungen der Ermittler, die politischen Implikationen des Falles - das sind die Themen, die Henner Kotte auch diesmal wieder zu einer dichten Geschichte verwebt, eingebettet in das Biotop Leipzigs. Es zahlt sich aus, dass er mit dem bewährten Personal seines letzten Romans an seinem Lieblingsschauplatz geblieben ist. TITELHELDEN ist die gelungene zweite Geschichte einer Serie vom Tatort Leipzig, an den ich jetzt gern noch ein drittes Mal zurückkehren möchte - allein schon, um zu sehen, ob die Herren Kohlund und Schmitt die Probleme mit ihren Kindern in den Griff bekommen.
Autor: Reinhard Jahn

Henner Kotte:
Titelhelden
Rotbuch

3.3.08

Henry Porter: Brandenburg

Wo sind eigentlich die Spionage-Geschichten geblieben, die uns durch die lange Zeit des Kalten Krieges begleitet haben. Die Altmeister wie John Le Carre oder Len Deighton haben sich aktuelleren Themen zugewandt, nachdem der Eiserne Vorhang gefallen ist und in Moskau eher die Oligarchen und nicht mehr der KGB die Strippen zieht.

Beim Fall des Eisernen Vorhanges - genau an diesem Punkt setzt BRANDENBURG von Henry Porter an, ein Spionageroman von - man ist geneigt - gutem altem Schrot und Korn:
Schauplatz Triest - Rudi Rosenharte - für diesen Figurennamen sollte man dem Autor die Ohren langziehen - aus Leipzig ist unterwegs, weil er eine Verabredung, einen Treff hat. Rosenharte ist nicht der harmlose, unpolitische Kunstdozent, sondern ein Spion, ein Stasi-Spion, um es genau zu sagen, einer der "Kundschafter des Friedens" aus der Hauptabteilung XX des Markus Wolf. Bevor er seine Tarnung als Kunstdozent angetreten hat, war er in Brüssel eingesetzt, als Kontakt für eine Top-Quelle aus dem NATO-Hauptquartier - eine Verwaltungsangestellten mit Namen Analisa.

Jetzt, Jahre später, in Triest soll er sich wieder mit Analisa treffen. Aber nur Rosenharte weißt, dass das nicht sein kann. Denn nur er weiß, dass Analisa tot ist - er war seinerzeit in Brüssel selbst Zeuge ihres Selbstmordes und er hat ihre Leiche verschwinden lassen.

Wer ist also die Frau, die ihm jetzt beim Treff in Triest plötzlich gegenübersitzt - sie sieht aus wie Analisa, sie bewegt sich, spricht wie sie - aber es ist nicht Analisa, Rosenhartes ehemalige Geliebte.
Als die Fremde sich zu erkennen gibt, weiß Rosenharte, dass er in ein Spiel geraten ist, aus dem er nicht mehr aussteigen kann: Die fremde Analisa ist eine britische Agentin, Teil einer ganzen Operation der Briten und der Amerikaner, angesetzt auf Rosenharte, der als Doppelagent für den Westen die Kontakte der Stasi zu islamischen und arabischen Terroristen in der DDR ausspähen soll...

Eine spannende und solide Spionagegeschichte aus der Zeit, als der Kalte Krieg zu Ende ging.

Brandenburg
Ullstein Taschenbuch

Elisabeth Herrmann: Das Kindermädchen

Für Joachim Vernau ist eigentlich alles bestens gelaufen: er ist ein erfolgreicher Anwalt in einer angesehenen Kanzlei, er ist so etwas wie "verlobt" mit Sigrun von Zernikow, der Tochter seines Chefs. Sigrun kandidiert für den Senat in Berlin, Karrierefrau durch und durch. Aber fürs Herz hat Joachim dann eigentlich seine Jugendfreundin Marie, ebenfalls Anwältin und seine Lieblingsgegnerin vor Gericht, wenn es etwa ums Auseinanderdividieren und Vermögen bei Prominenten- und Weniger-Prominenten-Trennungen geht.

Alles in bester Ordnung, bis eines Tages eine Russin bei Joachim auftaucht und ihn im Auftrag einer "alten Freundin" verzweifelt bittet, dass sein Schwiegervater in spe eine Bescheinigung unterschreiben soll. Der Schwiegervater in spe geht einfach über die Sache hinweg - seine Mutter, der Familiendrache, gerät allerdings in heftige Aufregung.

Egal - Joachim würde sich nicht weiter um diese Sache kümmern, würde da nicht plötzlich jene seltsame Russin tot aufgefunden und eine andere Russin verlangte verzweifelt die Unterschrift unter jener mysteriösen Bescheinigung. - Eine Bescheinigung, mit der einer alten Ukrainerin ihre Zeit als Zwangsarbeiterin im kriegsgeschüttelten Berlin bescheinigt werden soll. Als Kindermädchen soll sie bei der Familie Zernikow gewesen sein - und Joachim versteht nicht, wie sein Schwiegervater in spe - den sie damals als Kind betreut hat - sich jetzt auf einmal weigert. ihr ihre Arbeit zu bescheinigen, damit sie ein wenig Rente bekommt.

Und wäre da nicht das personifizierte schlechte Gewissen von Joachim in Person seiner Jugendfreundin Marie, würde er sich auch nicht weiter um die Sache kümmern - aber Marie treibt die Recherchen nach den Hintergründen der Zwangsarbeiter-Kindermädchen im II. Weltkrieg und den Todesfällen im Berlin von heute weiter, bis sich plötzlich Gegner rühren, auf die man nicht gefasst war.

Krimi-Unterhaltung mit Anspruch. Eine spannende Story mit viel zeitgeschichtlichem Hintergrund, mit dem lässigen Charme eines John Grisham erzählt, ohne dabei dessen Holzschnitt-Charaketre zu übernehmen.

Elisabeth Herrmann
Das Kindermädchen
Goldmann Taschenbuch

Elizabeth Corley: Crescendo

Louise Nightingale, Detective bei der Polizei in Birmingham ist auf das Spiel eingegangen, das ein Serienvergewaltiger mit seinen Opfern spielt - indem er sich ihnen in dem Internet-Spiel THE GAME erst einmal in Form einer Spielfigur, eines AVATARS, nähert und sie dann zu einem persönlichen Treffen überredet.
Also steht Louise Nightingale eines Abends in einem düsteren Park und wartete auf den Unbekannten - und kann ihn mit Unterstützung ihrer Kollegen dingfest machen, als er sie tatsächlich plötzlich hinterrücks überfällt.
Wayne Griffiths heißt der Kerl, der endlich verhaftet und verurteilt wird - aus juristischen Gründen allerdings nur wegen drei von insgesamt sechs Vergewaltigungsfällen.
Zeit für eine Pause - denkt Louise Nightingale. Aber daraus wird nichts - denn Wayne Griffiths ist noch nicht mit ihr fertig. Und - was Louise Nightingale nicht weiß: Wayne ist nur die eine Hälfte eines Vergewaltiger- und Serienmörder-Duos, das die Grafschaft Sussex unsicher macht.
Was "Dave", der zweite Mann des verbrecherischen Doppels unterdessen tut, um seinen Bruder in Mord aus dem Gefängnis zu befreien, schildert Elizabeth Corley, mit schonungsloser Härte. Dabei ist das Stalking via E-Mail, das er bei Louise Nightingale betreibt noch das harmloseste. Als hochintelligenter Softwareentwickler ist er in der Lage, Louises Rechner zu manipulieren und seiner weiteren Taten per Internet vorzubereiten.

Erst als Detective Chief Inpector Andrew Fenwick - der eigentliche Serienheld von Elizabeth Corleys Romanen - wieder zurückkommt, entdeckt er die Zusammenhänge zwischen den Taten von Wayne Griffiths und denen seines Meisters und setzt alles daran, über den inhaftierten Täter an dessen Hintermann und "Meister" heranzukommen. Während Louise Nightingale sich in altes, geerbtes Haus nach Devon zurückgezogen hat. Fern von jeder Polizeiarbeit, und dort einige sehr düsteren Familiengeheimissen auf die Spur kommt.

Komplex, dramatisch, schonungslos. Eine Story, die in all ihrer Düsternis absolut fesselt - mit viel psychologischem Feingefühl und solider Kenntnis der Polizeiarbeit erzählt.

Elizabeth Corley:
Crescendo
Fischer Taschenbuch

Michael Herzig: Saubere Wäsche

Die Schweizer, heißt es, schrieben ja eigentlich die besseren deutschen Krimis.
Im Fall Friedrich Glauser und Friedrich Dürrenmatt hat das gestimmt, und im Fall Michael Herzig gibt es zu den besten Hoffnungen Anlass. Sein Debüt SAUBERE WÄSCHE ist ein Polizeiroman - und damit für einen schweizer Krimi - soweit wir ihn hierzulande kennen - schon einmal eine Überraschung.

Dazu noch ein Polizeiroman mit einer gebrochenen Polizistin aus dem Revierdienst als Hauptfigur - Johanna di Napoli ist die Quotenfrau der Zürcher Stadtpolizei, ambitioniert, aber leider zu impulsiv, knallhart gegen sich selbst und manchmal zu weich gegenüber den anderen - egal ob Kollegen oder Verbrecher. Zwei Fälle bereiten ihr Kopfzerbrechen: die Vergewaltigung eines dominikanischen Prostituierten und der Doppelmord an einem bosnischen Ehepaar, das in kleinbürgerlicher Unauffälligkeit eine Wäscherei betrieben hat. Vera und Milan Dilic sind in aller Herrgottsfrühe in ihrem Geschäft brutal zusammengeschossen worden - eine Familiengeschichte, wie Johannas Vorgesetzte und Kollegen schnell vermuten, oder doch eher irgendwas mit organisierter Kriminalität? Schließlich ist Milans Bruder ein bekannter Drogenabhängiger und in dunkle Geschäfte verwickelt.

Johanni Di Napoli verbeißt sich in den Mordfall, den ihr die Chefs von der Kripo gern aus der Hand nehmen möchten und verstrickt sich dabei auch in die eine oder andere ungute Liaison mit Männern, die einerseits ziemlich attraktiv, aber andererseits auch ziemlich verdächtig sind. Bei allem Spurengetüftel rund um den Mordfall verliert Miachel Herzig in seinem sehr gelungenem Krimidebüt dabei auch nie die Stadt in allen ihren Schattierungen aus dem Blick: Zürich ist nach dem Bild, das er in seinem Krimi zeichnet, kaum von den anderen Metropolen des Verbrechens zu unterscheiden - es geht zwar etwas schweizerisch gemütlich, aber trotzdem hart zur Sache in Sachen Korruption, Rotlicht und organisiertem Verbrechen.

Dass der Kampf gegen die wirklichen Herrscher am Limmat nicht zu gewinnen ist, ist die bittere Erkenntnis, die Johanna di Napoli am Ende ziehen muss - und das, obwohl die beiden Fälle eine ordentliche Lösung finden, aber ganz bestimmt keine, die Johanna zufrieden stellt.
Michael Herzig
Saubere Wäsche
grafit 338