13.12.17

Der Mord nach Rezept-Adventskalender
13. Dezember

 Der Adventskrimi für den 13. Dezember


Die Weihnachtsgeschichte

Von Almuth Heuner

Ich hab's ja nicht so mit dem Lesen. Aber wer Stories schreibt, so wie meine Schwester, der imponiert mir mächtig. Wegen ihr saß ich hier im Verlag einer Frau Dr. Zirkelfeld gegenüber. Auf dem Tisch stand eine Schale mit Spekulatius. Es war der 4. Dezember, und im Flur hatte ich den Aushang für die heutige Verlagsweihnachtsfeier gesehen.
    Ich bin Roswitha. Früher sagten alle »das Riesenross« zu mir. Heute traut sich das niemand mehr. Vermutlich wegen des Tattoos auf meiner Stirn und des Nasenpiercings.
    Mein Job? Ich erledige Dinge, meist für Inkassobüros. Einfach ist das nicht, aber ich kann ganz gut reden, und wenn Reden nix nützt, baue ich mich vor den Leuten auf, und das wirkt dann. Meine Knarre muss ich dann meist gar nicht mehr aus dem Achselholster holen.
    »Tja«, meinte ich zu Frau Dr. Zirkelfeld. »Meine Schwester hat mich bevollmächtigt, das Honorar abzuholen. Für die Weihnachtsgeschichte, die sie für Ihr Buch Und Friede auf Erden geschrieben hat.«
    Die Zirkelfeld tat erst so, als »wüsste sie nicht«, aber als ihre Brille zu Bruch ging, rief sie in der Buchhaltung an.
    Wie es schien, waren sie da noch nicht dazu gekommen, das Honorar anzuweisen. Wegen des Weihnachtsgeschäftes. Das war natürlich eine Ausrede, und deshalb war ich vielleicht ein bisschen kurz angebunden, als ich bei Frau Wellenturm in der Buchhaltung hereinschneite. Sätze wie »erhalten Sie in Kürze« stoßen bei mir auf taube Ohren. Es tat mir schon etwas leid, dass die Wellenturm mit dem gebrochenen kleinen Finger den Barscheck selbst ausfüllen musste, weil ihre Sekretärin bereits zur Weihnachtsfeier gegangen war.
    Jetzt fehlte nur noch die Unterschrift des Verlagsleiters. Der machte einen etwas hilflosen Eindruck, als ich in sein Büro kam.
    »Was zum Teufel …«, sagte er und griff zum Telefon.
    Ich legte die Hand auf die Gabel. Die Sache zog sich zu lange hin. Ich schlug den Ledermantel etwas weiter auf, weil die Knarre im Holster drückte, beugte mich über den Tisch, knallte dem Kerl den Scheck hin und sah ihm in die Augen. »Ich nehm auch Bargeld.«
    Er fing an rumzuquatschen. So was kann ich nicht leiden. Ich drückte ihm den Hörer in die Hand und wartete, bis er das mit der Kohle geregelt hatte - was wegen der zwei Schneidezähne, die ihm fehlten, eine Weile dauerte.
    Ich weiß nicht, ob die Leute traurig waren, weil sie auf der Feier nicht die Umschläge mit ihrem Weihnachtsbonus bekamen - ich aber war zufrieden, als ich ging. Ich hatte die Knete für meine Schwester, und seitdem habe ich einen Fuß im Verlagsgeschäft.




Foto: Uwe Kletzing
Almuth Heuner lebt und arbeitet als Übersetzerin und Herausgeberin in Bochum. Sie packt zu Weihnachten am liebsten Geschenke aus und sieht auch gern anderen dabei zu.  Nach ihrem Studium in Mainz-Germersheim lebte sie länger fern des Ruhrgebiets, kehrte jedoch vor ein paar Jahren zurück, um die alte Heimat neu für sich zu entdecken. Sie hat zuletzt die folgende, wunderbare Weihnachtsanthologie herausgegeben:

 


Killer, Kerzen, Currywurst
Spannende, kuriose und besinnliche Weihnachtskrimis aus:
Bochum, Bottrop, Datteln, Dortmund, Duisburg, Essen, Mülheim, Oberhausen, Unna, Wanne-Eickel und Wattenscheid.
Geschrieben von Autoren, die im Ruhrgebiet leben:
Mischa Bach, Christiane Bogenstahl, Christiane Dieckerhoff, Arnd Federspiel, Almuth Heuner, Karr & Wehner, Herbert Knorr, Peter Märkert, Irene Scharenberg, Gesine Schulz, Thomas Schweres, Mike Steinhausen, Ursula Sternberg.


Almuth Heuner (Hg)
Killer, Kerzen, Currywurst

Prolibris Verlag
ISBN 978-3-95475-156-3



Almuth Heuner:
Die Weihnachtsgeschichte
© Rechte bei der Autorin/Jahn facts&fiction